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Volker Klotz
ÖZV LV/ 104
tig daraus hervor. Ihr Ausdruck ist der Müßiggang. Obwohl längsthinaus über ihre frühbürgerlich tugendsamen Altvorderen, machendiese Kleinbürger immer noch das alte Sprichwort zum Wahlspruch:,, Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Litaneiartig hämmern sie ihnein: Die hier singen, sind eine kleinbürgerliche Familie in den USA.Daheim in der Provinz kommentieren sie die Reise
zweier Schwestern aus den Südstaaten(...), die für sich und ihre Familiedas Geld zu einem kleinen Haus erwerben wollen. Sie heißen beide Anna.Die eine der beiden Annas ist die Managerin, die andere die Künstlerin;die eine( Anna I) ist die Verkäuferin, die andere( Anna II) die Ware.(...)Am Schluß von jedem der Bilder, die zeigen, wie die sieben Todsündenvermieden werden können, kehrt Anna II zu Anna I zurück, und auf derBühne ist die Familie der beiden, Vater, Mutter und zwei Söhne, inLouisianna, und hinter ihr wächst das kleine Haus, das durch die Vermei-dung der Todsünden verdient wird.( Stücke Band IV, S. 267)
Station für Station demonstriert die Szenenfolge: wie die verkörperteeine Hälfte jener Anna – die vernünftige, weil geschäftstüchtige- dieverkörperte andere Hälfte – die nichtsnutzig nur ihren persönlichenLiebes- und Kunstneigungen nachgeht- zur Raison ruft. So schicktdie kleinbürgerliche Familie jene Doppel- Tochter ins großstädtischeErwerbsleben, um den Besitz zu mehren. Kurz, in eine Prostitution,tunlichst überm Niveau von ambulanten billigen Straßenmädchen.Doch die Künstlerin Anna wirft sich nicht so recht ins Zeug. Bilanzder enttäuschten Sippschaft: selbstsüchtige Liederlichkeit stattselbstlosem Arbeitseinsatz. Aus solcher Sicht muß Tochter Anna alsleichtfertige Müßiggängerin erscheinen. Unverantwortlich handeltsie, wenn sie interesselos lieben will, wo sie sich doch strebsamhinaufzuvögeln hätte in die oberen Ränge des Filmgeschäfts.
So zügig schreitet sie vorwärts, die Historie des bürgerlichenEigentümerlebens. Und so weit ist eben jene gesellschaftliche Klassegekommen, die sich zwei Jahrhunderte zuvor von Fürchtegott Gellerthat predigen lassen: es führe ausschweifender Müẞiggang gradwegszu ausschweifender Wollust. Nur selten wurde und wird diese Büh-nen- Moritat von den Sieben Todsünden gespielt. Trotz oder wegenihrer szenischen Schlagkraft. Unwillkommen ist das Stück, politischund ästhetisch. Denn es verprellt alle, die frohgemut den Kapitalis-mus anhimmeln, auch wenn sie seine Opfer sind. Und es verprellt-als experimentelles, hart montiertes Tanz- und Singtheater- alle, dieschmissige Unterhaltung verlangen.