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Volker Klotz
ÖZV LV/ 104
die zwischenmenschliche Handlungen entweder auf der Bühne vor-führen( im Schauspiel und Musiktheater) oder davon erzählen( inRomanen und Bildergeschichten). Vom ,, Flanieren“ wären eherFeuilletons oder Essays angezogen, vom ,, Pausieren“ eher lyrischeGedichte. ,, Müẞiggehen“ dagegen ruft vor allem Bühnenstücke undErzählungen auf den Plan. Begreiflicherweise. Denn Müßiggehen-so wird sich zeigen- erregt besonderen öffentlichen Anstoß. Undohne Anstößigkeiten keine Spannungen und Konflikte. Und ohneSpannungen und Konflikte kommts zu keiner zwischenmenschli-chen Handlung, die man auf der Bühne vorführen oder im Romanerzählen kann. Damit bin ich bei meinem Thema: ,, Vom Müßig- Gängerzum Un- Täter. Nichtsnutz in Bühnenstücken und Bildergeschichten“.
Lesern von Weltliteratur mag dabei auf Anhieb Ivan GontscharovsOblomov( 1859) einfallen. Jener Roman eines wohlhabenden Guts-besitzers, der, obwohl körperlich kerngesund, seit Jahren sein Bettnicht verläẞt; der empfindsam und klug sich allerlei Erstrebenswertesausdenkt, aber niemals anpackt. Dazu fehlt ihm die Energie. Oblo-movs Un- Taten sind nur ungetane Taten. Öffentlichen Anstoß alsokönnen sie ebenso wenig erregen wie er selber, der sich jenseits seinesRuhelagers nirgends blicken läßt. Nur wenige Freunde suchen ihnzuhause auf, um ihn hochzurütteln. Vergebens. Auch insofern bleibtsein Nichtstun schlechterdings privat: räumlich und gesellschaftlichabgeschottet. Allgemeine Moral kann ihn nicht strafen, weil er sienicht sichtbar tätig provoziert.
Oblomovs Fall berührt sich mit meinem Thema, aber nur vonaußen. Es kontrastiert geradezu den eigentlichen Müßiggang. Schondas allgeläufige Wort zeigt es an. Müßig sitzt oder steht man nicht.Müßig geht man. Nie liegen sie wie Oblomov auf der faulen Haut,die Müẞiggänger. Immer sind sie auf den Beinen, unterwegs. Aberwohin? Dorthin, wo – laut mahnendem Sprichwort- jede tätige Untatbeginnt. Denn es behauptet: ,, Müßiggang ist aller Laster Anfang."Zum lasterhaften Untäter aber können wir nicht werden, wenn wirlediglich regungslos unterlassen, was allgemein gefordert wird. Son-dern nur dann, wenn wir regsam treiben, was allgemein verpönt ist.
Soweit die bürgerliche Moral. Träges Nichtstun ist ihr zwar eben-falls zuwider. Doch bei weitem nicht so sehr wie nichtsnutziges,selbstzweckliches, überschüssiges Tun. Seit etlichen Jahrhundertenist dieser Grundsatz unsren Vorfahren eingeschärft worden. Allent-