Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
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gegebenen Zeitpunkt durch das besondere spezielle Verhältnis bestim-men kann, daß die Volkskunstträger, bei uns die Bauern, zu den ande-ren Gruppen der Gesellschaft unterhalten bzw. durch das Ausmaß, indem sie sich der Kunst, dem Geschmack anderer gesellschaftlicherGruppen nähern oder sich davon entfernen. Eigentlich befassen sichmit dieser Frage die skandinavischen Forscher Svensson, Erixon, Eku. a. mit der umstrittenen Kulturfixierungshypothese 9), die danachforscht, unter welchen Umständen sich die bäuerliche Kunst der Kunstder Schicht über ihr nähert oder sich von ihr entfernt. Aus ähnlicherSicht deutete Arnold Hauser die Entfaltung der mitteleuropäischenVolkskunst aus, indem er ihre von ihm in eine recht späte Zeit, in das17. bis 18. Jahrhundert versetzte Herausgestaltung mit einer Differen-zierung nach Schichten der früher homogenen gesamtgesellschaftlichenKultur erklärte 10). Vorzügliche neue Detailuntersuchungen zeigen,wie im Rahmen der einen oder anderen engeren Landschaft die spezi-fischen wirtschaftlichen, kulturellen usw. Beziehungen von Stadt zuDorf, Herren zu Bauern die Bedingungen zur Herausgestaltung indi-vidueller Volkskunststile hervorbrachten. Die Studie von UlrichBauche weist nach, daß die reiche Volkskunst, die charakteristischeMöbelschreinerei in den Vierlanden darum entstehen konnte, weil dieGegend in unmittelbarer Nähe von Hamburg und unter seiner Ober-hoheit lag 1). Das größte Handelszentrum Nordeuropas im 17. und18. Jahrhundert strahlte nicht nur eine städtische Kultur auf seineUmgebung aus, es verhalf mit seinem Markt nicht nur den Bauern imUmkreis zu Wohlstand, sondern forderte gerade durch seine be-drückend überlegene Stadtkultur ein dieser sich widersetzendes Grup-penbewußtsein heraus, und eine betont ländliche Volkskunst. DiesesBeispiel ermahnt uns zugleich, bei der Qualifizierung künstlerischerFormen nach sozialen Tendenzen mit Vorsicht und unter Berücksich-tigung der nur lokal gültigen relativen Maßstäbe vorzugehen. Was inden Augen der damaligen Hamburger demonstrativ rustikal erschien,hätte zu gleicher Zeit in Ungarn als städtisch, wenn nicht gar herr-schaftlich gegolten. Doch ist es vielleicht nicht nötig, ausführlicher vondieser Auffassung der Volkskunst zu sprechen, da ja Leopold Schmidt

9) Sigurd Erixon, The Term Culture Fixation" and its Usefulness. In:International Journal of Sociology, Bd. 1( 1971), S. 164-176. SigfridSvensson, On the Concept of Cultural Fixation( with comments). In: Ethno-logia Europaea, Jg. 6( 1972), S. 129-156. Sven B. Ek, Economic Booms,Innovations, and the Popular Culture. In: Economy and History, Jg. 3( 1960),S. 337.

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10) Arnold H a user, Kunstgeschichte nach Bildungsschichten: Volkskunstund volkstümliche Kunst. In: Philosophie der Kunstgeschichte. München 1958,S. 307-404.

11) Ulrich Bauche, Landtischler, Tischlerwerk und Intarsienkunst inden Vierlanden. Hamburg 1965.

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