chen Freistädte lagen zumeist in den Randgebieten des historischenUngarn, das Bürgertum in ihnen war überwiegend fremd, und von dengroßen Massen der ungarischen Bevölkerung isoliert. Demgegenüberentstanden in den zentralen Agrargegenden Marktflecken oder Bauern-städte mit einer Kultur und Lebensform auf bäuerlicher Grundlage,deren Bevölkerung schon wegen ihrer zumeist kalvinistischen Religionoppositionell eingestellt war. Der Zwiespalt der Stadt- Bürger undLand- Bauern vertieft sich während des Modernisierungsprozesses im19. Jahrhundert noch mehr. An der Spitze der bürgerlich- kapitalisti-schen Umwandlung stand eine zum großen Teil fremde Elite, mit dersich die sog. ungarische„ historische" Mittelklasse, die verarmten, inBeamtentum untergekommenen Adeligen, kaum vermischten 6). DasBauerntum suchte bei dieser Spaltung seine Vorbilder viel lieber beimeinstigen Adel; in seiner Kleidung, seinem Baustil und überhaupt inder übertriebenen Repräsentation in der gegenständlichen Welt lassensich die adligen Vorbilder ausmachen 7). Zugleich merkt man in derBauernkunst dieser Zeit auch einen Niederschlag der nationalen( gegen Österreich gerichteten) Unabhängigkeitsideologie. Als ein bei-nahe schon triviales Beispiel kann ich das Verschwinden des im18. Jahrhundert noch so volkstümlichen Doppeladlers auf Keramiken,Stickereien und Möbeln anführen, und das Aufkommen des ungari-schen Wappens als Dekorationsmotiv. Die früheste Angabe darüber,daß ein ungarischer Szür- Schneider auf einen für eine ausländischeAusstellung bestimmten Szürmantel ein ungarisches Wappen stickte,besitzen wir aus dem Jahr 1852 8). Gegen Ende des Jahrhunderts undzu Beginn des 20. Jahrhunderts stickte man im Osten des Tieflandesnicht selten acht bis zehn ungarische Wappen auf einen Mantel gleich-sam als dessen Hauptschmuckelement. Einen solchen Mantel anzufer-tigen oder ihn zu tragen, war ein Bekenntnis zum volkstümlich- bäuer-lichen, zum nationalen Bewußtsein.
II.
Dieser Gedankengang führt, an einigen spezifischen Vergleichs-momenten der ungarischen und österreichischen Volkskunst vorbei,zu einer Art der Charakterisierung der Volkskunst, die anscheinendimmer häufiger angewandt wird. Ich denke daran, daß man die Kunstder Bauern bzw. anderer Trägergruppen der Volkskunst zu einem6) Péter Han àk( Hrsg.): Magyarország története IV. 1849-1918. Buda-pest 1972, S. 366-367.
7) Vgl. Tamàs Hofer, Phasen des Wandels im östlichen Mitteleuropaim Lichte kulturanthropologischer Theorien. In: Günter Wiegelmann( Hrsg.):Kultureller Wandel im 19. Jahrhundert( wie Anm. 4), S. 251-264.
8) Mária Kresz: Ungarische Bauerntrachten 1820-1867. Budapest- Ber-lín 1957, S.
328