weiten Leinenhosen und ihren Westen mit den blanken Knöpfen her-kam. So ergab sich eine verallgemeinerte ungarische Volkstracht, dieman z. B. bei den Weinleseumzügen überall von der Westgrenze bisnach Siebenbürgen sehen konnte. Zur literarischen Fundierung diesertieflandzentrierten Mode trugen nicht nur der revolutionäre Petöfi,sondern auch österreichische Reisende und Dichter bei, wie z. B.Lenau.
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Zwischen Österreich, das das Gebirgsvolk verabsolutierte und demUngarn, das das Gleiche mit dem Volk des Tieflandes tat, bestehtvielleicht nicht nur ein Unterschied, sondern auch eine gewisse komple-mentäre Funktion. Wenn in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dieprogressiven Künstler für das Tiefland schwärmten, kann das damitzusammengehangen haben, daß die Nachbarvölker wiederum das Berg-land verherrlichten. Und damit wären wir bei einem Gesichtspunktangelangt, von dem aus eine Gegenüberstellung der ungarischen undÖsterreichischen Volkskunst besonders interessant sein könnte. Einegewisse Konfrontation, ein Vergleichen man könnte sagen: aufVolksniveau- war seit Jahrhunderten immer im Gange und hatte zurFolge, daß mit einem Seitenblick auf den„, österreichischen Schwager"nur das als echt ungarisch und volkstümlich zählte, was sich von derdeutschen und österreichischen Mode unterschied. Bereits 1736 tadelteBaron Peter Apor in seinen Memoiren die Adligen Siebenbürgenswegen der bei ihnen verbreiteten„, Neumode" dieses Wort benutzteer so, deutsch daß sie aus geschliffenen Gläsern Tee und Schoko-lade tranken im Gegensatz zu der alten ungarischen Gewohnheit, Glüh-wein aus unglasierten Tonkrügen zu trinken 5). Erwähnenswert istdie Differenzierung, die sich in den Zunftorganisationen um die Wendevom 18. zum 19. Jahrhundert sich in mehreren Gewerbezweigen voll-zog, und in deren Folge nebeneinander„, ungarische" und„ deutsche"Zünfte entstanden und wirkten.„ Ungarische" Schneider machtenvornehmlich für Männer nach der aus adliger und bäuerlicherTradition entwickelten ungarischen Mode Kleider; gleichzeitig mach-ten die ,, deutschen" Schneider Kleider nach der internationalen bürger-lichen Mode. ,, Ungarische" Tischler fertigten, vornehmlich für Bauern,bemalte Möbel. Kunstmöbel nach dem bürgerlichen Geschmack bezogman von den„, deutschen" Tischlern.
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In der allgemein verbreiteten Identifizierung des Bürgerlich- städti-schen und des Höfisch- aristokratischen mit„, deutsch" und„, österrei-chisch", also fremd, und demgegenüber in der Akzeptierung als echtund national von allem, was von dem anderen abwich, spiegeln sichdie Widersprüche der neuzeitlichen ungarischen Gesellschaftsge-schichte. Die aus dem Mittelalter stammenden, ummauerten königli-
5) Péter Apor, Metamorphosis Transylvaniae. Budapest 1972.
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