Stilperioden der ungarischen Volkskunst
Über einige Möglichkeiten des Vergleichs der Volkskunst inUngarn und Österreich
Vortrag, gehalten am 23. März 1973 im Verein für Volkskunde in Wien.
Vor allem möchte ich meinen aufrichtigen Dank dafür ausspre-chen, daß ich, hier in Wien, im Verein für Volkskunde, dieser um dieEntfaltung der mitteleuropäischen Volkskunde so verdienten Gesell-schaft, über ungarische Volkskunst sprechen darf.
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Meine Aufgabe ist, ich muß es gestehen, bei weitem nicht leicht.Über Volkskunst sprechen wir im allgemeinen ich könnte sagenunter uns. Unter ungarischen Forschern vor einem ungarischen Pub-likum. Wobei viele gemeinsame Kenntnisse und Konsense das Ver-ständnis zwischen Vortragenden und Zuhörern gewährleisten. Sehen wirausländische Kollegen bei uns zu Gast, die uns zum Beispiel die grie-chische oder die dänische Volkskunst erörtern, ist ein Hauptmotivunserer Aufmerksamkeit, aus der Konfrontation mit der fremden, indiesem und jenem der unsrigen ähnlichen; in anderen Belangen wieder-um abweichenden Volkskunst, unsere eigene Volkskunst besser zu-verstehen. So erachte ich es jetzt als meine Aufgabe im Rahmen eineskurzen Vortrags vom neuen, in Budapest ausgearbeiteten Bild derungarischen Volkskunst einen Überblick zu geben, den meine verehr-ten Zuhörer, die mit der österreichischen Volkskunst vertrauten Fach-leute und Nichtfachleute, zu einer ähnlichen Konfrontation verwendenmögen.
I.
Mit dieser Zielsetzung bin ich auf einem unausgearbeiteten,experimentellen Gebiet der europäischen volkskundlichen Forschun-gen angekommen. Wohl gibt es wertvolle Ergebnisse in der Verglei-chung einzelner Objektformen, Motive und Techniken, die über zahl-reiche Länder verbreitet sind, gefestigte Methoden indessen besitzenwir noch nicht, um die Volkskunst ausgedehnter Landschaften undLänder im Ganzen, Abläufe von mehreren Jahrhunderten miteinanderzu vergleichen. Die Schwierigkeiten liegen nicht allein darin, daß diezu vergleichenden Schöpfungen der Volkskunst verschieden sind, und
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