Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Einzelbild herunterladen
 

hölzerner gedeckter Gang umlief von außen das erste Stockwerk", undwir denken dabei unwillkürlich an den Tirolerhof im SchönbrunnerSchloßpark, von dem ja gleiches gilt. Das Innere des Hauseswird im Handlungsverlauf angedeutet: Sie traten in den kleinenFlur und stiegen die knarrende Holztreppe hinan, die nach einem nichtungeräumigen, wenn auch niederen Gemach führte. Es war in länd-lichem Geschmack mit Möbeln aus Naturholz eingerichtet; an denWänden hingen dunkel eingerahmte, und schon ziemlich verblaẞteTiroler Gebirgsveduten; in der Mitte aber über einer sauber ge-schnitzten, mit harten Kissen belegten Sitztruhe, prangte in sorgfältigkoloriertem Steindruck das Bildnis Andreas Hofers. Die ganze Aus-stattung rührte noch von der Mutter des früheren Schloßbesitzers her,die einige Jugendjahre in Tirol zugebracht und zur Erinnerung an die-sen Aufenthalt das kleine Gebäude hatte herstellen und mit Vorliebebetreuen lassen." Wenn man der Biographie des eigentlichen Heldender Novelle, des alten Freiherrn nachrechnet, muß man zwei Genera-tionen zurückzählen und kommt dann ungefähr auf das Jahr 1809.Ferdinand von Saar hat also sehr genau gewußt, wie er ein Tirolerhausin einem böhmischen Schloßpark anzusetzen und zu motivieren hatte.

Aber die Novelle bietet uns noch weitere Einblicke in diesesGebiet. Das um 1809 erbaute, um 1849 noch benützte Tirolerhaus imPark vom Schloß Kostenitz wurde nämlich etwa zehn Jahre später,nach 1859, den neuen Besitzern, die als geldreiche Fabrikanten dar-gestellt werden, bald lästig. Man wollte das alte Haus nicht mehr: ,, DieDamen konnten keinen rechten Platz zum Sitzen finden, die Herrenstießen mit den Hüten an die Decke." Alle Besucher, auch die Damen,rauchten Zigarren, daher bald ein, unerträglicher Tabaksqualm" ent-stand. Daher beschloß man den Abbruch des Hauses und faßte denEntschluß, ein, den Anforderungen modernen Komforts entsprechen-des Sommerhaus zu errichten." Und ,, wirklich entstand auch in kürze-ster Zeit ein ganz stattliches Gebäude im Schweizer Stil, von dessenbreiter luftiger Terrasse man bequem auf einen weit abgesteckten Lawn-Tennis- Platz niederblicken konnte." Ferdinand von Saar hat hier alsoin sinnvollem Zusammenhang die Ablösung des altmodisch geworde-nen Tirolerhauses durch das neumodische Schweizerhaus geschildert,eine Entwicklung zusammengefaßt, die sich in Österreich und auchanderswo damals vielhundertmal so ähnlich vollzogen haben dürfte.

Nun ist diese Ablösung des Tirolerhauses der Biedermeierzeitdurch das Schweizerhaus der Gründerzeit sicherlich ein Kapitel fürsich, das übrigens auch noch nie behandelt wurde, obwohl ja nochgenügend bauliche Zeugnisse dafür herumstehen, und das Ganze alsModellfall für ähnliche Entwicklungen dienen könnte. Man kann dieGegenwart schon auch aus der Vergangenheit verstehen, wenn man

322