Gertrud Angermann, Engel an Ravensbergischen
Bauern-häusern. Ein Beitrag zum Wandel des Dekors vom 18. bis 20. Jahrhun-dert(= Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, herausgegebenvon der Volkskundlichen Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, H. 2) 142 Seiten mit 62 Abb. Münster 1974, Selbstverlag der Volks-kundlichen Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen- Lippe.
Die hochstehende Bauernhausforschung in Westfalen läßt erfreulicherweiseauch Monographien über Einzelheiten an diesen mächtigen Häusern entstehen.Gertrud Angermann hat sich ein bezeichnendes Thema herausgegriffen, jeneEngel, die an den Toren der Höfe in der Umgebung von Bielefeld die Spruch-tafeln begleiten. Vor vierzig Jahren hat einmal eine damals zeitgebundene Strö-mung die Meinung aufkommen lassen, daß es sich dabei gar nicht um Engel,sondern um den Gott Heimdall handle, und die von den Engeln meist gehalte-nen Posaunen oder Trompeten wurden dementsprechend für Heimdalls Horngehalten. Mit dieser offenkundigen Fehlinterpretation schlägt sich die Verfasserinheute noch herum, obwohl die zeitgebundene Fehldeutung kaum einer Wider-legung bedarf. Aber Frau Angermann hat dafür alle diese Höfe besucht, photo-graphiert oder Bildzeugnisse nicht mehr bestehender Tore ausfindig gemacht,und kann eine gewisse zeitliche Einengung vom späten 18. bis ins mittlere19. Jahrhundert vornehmen: Damals also haben mehr oder minder gewandteSchnitzer diese im wesentlichen nach Empire- Mustern gestalteten Engel fliegenund blasen lassen, man kann es mit Frau Angermann auch als eine Innovationin einer für die Ravensberger Bauern wirtschaftlich besonders günstigen Situationbezeichnen( S. 48). Die Interpretationen der Darstellungen scheinen meistschlüssig, nur bei den Attributen der Engel, also Szeptern, Blumen, Schlüsselnusw. hätte die Verfasserin vielleicht einen Blick in die Zeitschrift für Volks-kunde, V, 1933, S. 151 ff. tun sollen. Dort war über diese Dinge immerhinschon manches zu sagen gewesen. Dennoch eine fleißige, nützliche Arbeit.
Leopold Schmidt
Bjarne Beckman, Von Mäusen und Menschen. Die hoch- und spät-mittelalterlichen Mäusesagen, mit Kommentar und Anmerkungen. Mit dreiAnhängen. 222 Seiten. Zürich 1974( zu beziehen durch den Verfasser,CH 3047 Bremgarten, Zelgweg 2).
Die Sage vom Mäuseturm zu Bingen ist wohlbekannt( Grimm, DeutscheSagen, Nr. 241). Die Brüder Grimm hatten sie aus der Thüringer Chronik vonBange. Beckmann stellt in seiner umfassenden Monographie die„ Hattoversion"von Bingen in die Mitte seiner Ausführungen( S. 77-116) und macht mit dererstaunlichen Fülle von Anführungen der Sage in der mittelalterlichen Literaturbekannt. Sie beziehen sich auf Persönlichkeiten des 10. Jahrhunderts, stammenselbst aber erst aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Man kann sich anhand dersorgsam ausgebreiteten Paralleltexte davon überzeugen, wie kompliziert dieÜberlieferung ist.
Beckmann hatte sich vorher mit der„ Maus im Altertum" beschäftigt, dieAbhandlung ist 1972 erschienen. Mit den dabei gewonnenen Vorkenntnissenzeigt er nun, wie nach der langen Pause in den„, dunklen Jahrhunderten" dasMausmotiv im Hochmittelalter wieder auftaucht, in sächsischen, elsässischen,polnischen und englischen Versionen, bis es eben zu der Festlegung um einenMainzer Erzbischof kommt, an dem und an dessen Turm im Rhein sich diemarkanten Motive ankristallisieren. Nach der Hattoversion bespricht Beckmannnoch die toskanische, die jüngere elsässische, die jüngere polnische, die jün-gere schwedische Version und führt auch die späterhin im deutschen Sprach-gebiet aufgezeichneten Fassungen auf, sowie die etwas seitab stehenden sieben-
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