Literatur der Volkskunde
Probleme der Sagenforschung. Verhandlungen der Tagung, veranstaltet von derKommission für Erzählforschung der Deutschen Gesellschaft für Volks-kunde e. V. vom 27. September bis 1. Oktober 1973 in Freiburg im Breis-gau, herausgegeben von Lutz Röhrich. 219 Seiten( vervielfältigt).Freiburg im Breisgau 1973, Forschungsstelle Sage( Deutsche Forschungs-gemeinschaft).
Man sieht es dem schmalen roten broschierten Bändchen mit seinem ver-vielfältigten Text nicht an, daß hier eine der wichtigsten Veröffentlichungenauf dem Gebiet der Sagenforschung in neuerer Zeit vorliegt. Die Tagung inFreiburg 1973 muß, diesen hier veröffentlichen Vorträgen nach, zu den bedeu-tendsten Veranstaltungen dieser Art gehört haben, und es ist ungemein erfreu-lich, daß der größte Teil der Vorträge in extenso abgedruckt werden konnte.
Nach den Vorsprüchen von Lutz Röhrich, Karel C. Peeters unddem Freiburger Prorektor Gottfried Schramm folgen die 16 Vorträge. LutzRöhrich leitet mit einer kritischen Problemschau„ Was soll und kannSagenforschung leisten?" in die aktuellen Probleme ein. Er tut es gründlich,vielseitig, mit deutlicher Ablehnung auch von Richtungen, die bei der Tagungsonst positiv vertreten wurden. Das gilt beispielsweise( S. 17) für den Struktu-ralismus, von dem Röhrich schreibt„ Was nützt ein ahistorisches Inbeziehung-setzen des Beziehungslosen? So manche Strukturalismen erscheinen mir wieeine Art Glasperlenspiel. Die wirklich großen Würfe des Strukturalismus sindausgeblieben, die hochgespannten Erwartungen gerade im Bereich derFolklore haben sich nicht erfüllt." Diese Einstellung berührt ausgesprochenwohltuend, besonders wenn man feststellen muß, daß strukturalistische Schlag-wörter heute nicht selten von wahren Dilettanten vermarktet werden. Aber dieTagung hat immerhin den seriösen Vilmos Voigt aus Budapest mit seinemVortrag ,, Die strukturell- morphologische Erforschung der Sagen" zu Wort kom-men lassen. Etwas positiver steht Röhrich parapsychologischen und psychologi-schen Sagenforschungen gegenüber. Für diese Gebiete hat dann Gotthelf Islergesprochen, mit dem programmatischen Vortrag„ Tiefenpsychologie und Sagen-forschung".
Fast wichtiger als diese theoretischen Auseinandersetzungen erscheinenmir einige positive Aufzeichnungs- und Interpretationsbeiträge. Da steht weit imVordergrund der Beitrag von Linda Degh„ Neue Sagenerscheinungen in derindustriellen Umwelt der USA", mit höchst amüsanten Mitteilungen über dieSagengläubigkeit von Leuten, die ganz naiv an ihre„ Erlebnisse" glauben. Ausdem beträchtlichen in Indiana gesammelten Material sind offenbar schon vielewertvolle Schlüsse gezogen worden( S. 39 u. ö.). Dann bringt Rolf Wilh.Brednich als großer Kenner,„ Historische Bezeugung von dämonologischenSagen im populären Flugblattdruck", wobei er feststellen muß, daß„ einesystematische Auswertung( dieses Flugblattmaterials) durch die Erzählforschungnoch aussteht"( S 53). Ergänzend dazu wirkt der Beitrag von Stefaan Top ausFlandern über„ Dämonologische Züge in Räubersagen". Nach einer anderenRichtung hin ergänzt Maja Bośković- Stulli mit ihren„ Dämonologi-
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