Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Seite
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Blutstiller in Tiroler Alpentälern

Ein Beitrag zur Erforschung der Volksmedizin der Gegenwart.

EINLEITUNG:

Von Ebermut Rudolph

Der rapide Einbruch der technischen Zivilisation auch in dasabgelegenste Alpendorf läßt es ratsam erscheinen, mit der Registrie-rung noch lebendiger Traditionen und Volksbräuche nicht zu warten.Die letzten der großen Erzähler unter den Alten werden in wenigenJahren nicht mehr unter uns sein. Schon einem Großteil der heute be-reits ergrauten Häupter fehlt die Verbindung zur Vergangenheit in sostarkem Maße, daß sich das schwerwiegende Wort von der anthro-pologischen Verkürzung", das heißt, einer Verarmung menschlicherErlebnisfähigkeit und Erlebnistiefe dem, der heute auf der Suche istnach den Spuren von gestern, beinahe aufdrängt. Fast einhellig bekla-gen die Älteren, daß den Jüngeren der Sinn und das Verständnis fehlefür viele Aspekte des Lebens, so wie sie selbst es verstehen. An ersterStelle denken sie an ihre Religion und ihr Verhältnis zur Kirche, da-nach folgen in der Rangordnung die sogenannten guten Sitten"( dieganz so gut wie sie heute in der Verklärung des Rückblickes auf eine gute alte Zeit" erscheinen, wohl auch früher nicht gewesen sind), unddrittens werden Erlebnismöglichkeiten genannt, die auch den Raumdes Mystisch- Okkulten nicht aussparen und in der Volkssagenbildungfrüherer Jahrhunderte ihren sinnfälligen Ausdruck erfahren haben.

Der vorliegende Bericht kann nicht bezwecken, völlig Neues ausdem Volksbrauch vergangener Tage zu bringen. In ihm soll stattdessenversucht werden, aufzuzeigen am Beispiel einiger Tiroler Alpentäler,was sich bis heute erhalten konnte an medialen Praktiken der Kranken-heilung, die nicht selten mit dem Gebrauch mehr oder weniger alter-tümlicher Segensformeln einhergehen. Über Menschen soll berichtetwerden, die sich mit diesen Heilmethoden befassen. Ihre auf Tonbandgesprochenen Erfahrungen werden das Bild ergänzen. In erster Liniebeschäftigen wir uns mit der Fähigkeit von Tiroler Frauen und Män-nern, durch Gedankenkraft und die Rezitation einer Heilformel dasBlut zu stillen, und zwar bei Menschen wie Tieren.

In einer Zeit der systematischen Erforschung medialer Phänomenedurch die Parapsychologie und der praktischen Anwendung der Fern-

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