Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Seite
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nun, da Teile der deutschen Volkskunde sich zu einer Art Sozialanthropo-logie" gemausert haben, stellen sich doch andere Arten der Darstellung ein.

Ingeborg Weber- Kellermann, durch so manche Vorarbeiten aufdiesem Gebiet wohlbekannt, hat einen ganzen Versuch der Sozialgeschichteder deutschen Familie" geschrieben, nicht etwa eine Volkskunde der Familie",wie sie Horst Becker 1935 versucht hat, was ihm hier S. 179 ff. beträcht-liche Kritik einträgt. Frau Weber- Kellermann betont schon die Sozial-geschichte", und stellt nacheinander die Verhältnisse in frühgeschichtlicher, inchristlich mittelalterlicher Zeit dar, für die frühe Neuzeit Die Familie alsProduktionsstätte", für das 19. Jahrhundert seine offenbar bezeichnend er-scheinende ,, Kleinfamilie. Vor dem Kapitel Die Familie in der Gegenwart"steht ein ziemlich ausführliches Kapitel Familie und Familienpolitk in derZeit des Nationalsozialismus". Alle diese Dinge lassen sich von uns aus schwer-lich beurteilen. Das immer wiederkehrende Motiv der Ablehnung des Autori-tären Patriarchalismus" rückt alle diese Ausführungen zu nahe an die Gesell-schaftspolitik der Gegenwart heran. Dabei ist die Darstellung, wenn auch miteiner recht willkürlichen Auswahl der Tatsachen und Beispiele, fruchtbar undlesenswert. Daß die herangezogene Literatur mitunter sehr veraltet und ein-seitig anmutet, darf doch wohl gesagt werden. Wer kann heute noch unter-schreiben, was Max Bauer 1922 für das mittelalterliche Bauerntum schrieb:,, Die Entsittlichung der Hörigen und Leibeigenen war ungeheuer"( S. 40)?

Bemerkenswert erscheint die ganze Darstellung durch die Methode, zujedem Hauptkapitel einen Exkurs zu stellen, der seiner Herkunft nach volks-kundlich ist. Zur Gesellschaft der Frühzeit wird ein Exkurs über das Stief-mutter motiv im Märchen gestellt( wobei die sehr nützliche Arbeit vonWerner Lincke, Das Stiefmuttermotiv im Märchen der germanischen Völ-ker. Berlin 1933, nicht herangezogen wurde); die Verhältnisse des Hochmittel-alters sollen durch den Exkurs über ,, Die Ballade von der schönen Jüdin"erläutert werden, worüber Frau Weber- Kellermann schon ausführlich gearbeitethat; Zur Familie als Produktionsstätte" tritt der Exkurs über Wohnenim niederdeutschen Bauernhaus"; zur Kleinfamilie des 19. Jahr-hunderts" kommt der Exkurs Hochzeit und Hochzeittsstaat", derangesichts der in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten und durchgeführtenAusstellungen zu dem Thema recht aktuell erscheint; zur Familie in derZeit des Nationalsozialismus" ist der Exkurs Patriarchat und Ernte-brauch" gestellt, wobei sich Frau Weber- Kellermann auf ihr eigenes ge-wichtiges Buch berufen kann, wogegen aber sonst der Zusammenhang dochnicht ganz einsichtig wird. Zum abschließenden Ausblick Die Familie in derGegenwart" gesellt sich der zweifellos amüsante Exkurs Die deutscheBürgerfamilie und ihre weihnachtlichen Verhaltens-muster". Und soviel an gutem Material über Weihnachtsbrauch hier auchverarbeitet ist, man empfindet die Bezeichnung bürgerlich" in allen diesenZusammenhängen immer als eine Art von Beschimpfung, und kann die Dar-stellung daher nicht als in unserem Sinne gerechtfertigt, fachlich distanziertgenug, ansprechen. Eine stark anregende Wirkung dagegen wird man demsorgfältig gearbeiteten Büchlein nicht absprechen wollen.

Fachprosaforschung.

Leopold Schmidt

Acht Vorträge zur mittelalterlichenArteslieder. Herausgegeben von Gundolf Keil und PeterAssion. 257 Seiten. Berlin 1974. Erich Schmidt Verlag. DM 59,-.

Die Erforschung der mittelalterlichen Fachprosa ist in unseren Jahr-zehnten im wesentlichen von einem einzigen Forscher, nämlich von GerhardEis, getragen und gefördert worden. Seine Schüler versuchen nun allenthalben,

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