Text sich zum Teil an P. Martin von Cochem anlehnt, das die Traditionen der,, Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht" kennt, und das die Handlungdurch acht bemerkenswerte mehrstrophige Lieder auflockert. Gerade dieseLiedtexte weisen auf einen kundigen, gebildeten Verfasser hin, der beispiels-weise seinen Rachteufel singen läßt:
1. Nun, o Vulcane, so schmiede die Ketten,Dann diese Seel ist in unserer Gewalt,Wir alle haben den Richter gebeten,Daß er der Seele wohl nicht mehr zuhalt.Hitze die spitze bereite die Sitze,Schmiede bereitet den höllischen Rost,Hitze beschütze die Christen für Frost!
Man weiß, daß die Endorfer 1803 bei der Säkularisation das Inventardes Klostertheaters von Herrenchiemsee für sich ankauften. Vielleicht habensie bei der Gelegenheit auch dieses Textbuch erworben, oder doch abschreibenlassen.
Außer dem Spiel vom jüngsten Gericht sind die Ausführungen über einEndorfer Passionsspiel bemerkenswert, das auf einen biedermeierlichenBeamtendichter, den Regierungsrat Franz Xaver von Caspar, zurückgeht, und1817 zuerst aufgeführt wurde. Dann griff man zur„ Passion in lebenden Bil-dern", wobei sich Harvolk mit der einstmals so beliebten Gattung längerauseinandersetzt. Passionsbilder prägten auch die Gestaltung des Endorfer,, Ägyptischen Joseph", der sich lange Zeit im Repertoire erhielt. Photos undTheaterzettel erweisen sich als Belege im späten 19. Jahrhundert. Der letzteTeil ist der Behandlung der„ Theatergesellschaft Endorf" gewidmet, die bisheute weiterspielt, längst ein eigenes„ Theaterhaus" besitzt, und deren Spiel-plan sich Jahr für Jahr genau feststellen läßt. Das Verhältnis der Theater-gesellschaft zur Dorfgemeinschaft wird sachlich überprüft, Parallelen zu ähn-lichen Spielorten im bayrisch- tirolischen Raum liegen nahe. Das Nebenein-anderstellen von je einem Heiligenspiel und einer„ Joppenkomödie" in jedemJahr ist hier besonders bemerkenswert. Also etwa 1968:„ Die selige Irmen-gard" und„ Girgl und Waberl" oder 1974„ Maria Lourdes" und„ Der Guß-eiserne". Die Texte wurden und werden von Theaterverlagen angekauft, diebesonders auf den Geschmack des oberbayrischen Dorf- und Fremdenpublikumsspezialisiert sind.
Alle diese Erscheinungen sind von Harvolk fleißig und umsichtig erhobenund zusammengestellt worden. Es ergibt sich ein durchaus interessanter Ein-blick in ein Gebiet, das sich sonst nicht leicht erschließt, weil es eben längstaußerhalb des normalen Theaterlebens zu stehen scheint. Aber gerade daskann ja kein Kriterium für eine Zustandsfeststellung im Sinne unseres Fachessein.Leopold Schmidt
Ingeborg Weber- Kellermann, Die deutsche Familie. Versuch einerSozialgeschichte(= suhrkamp taschenbuch 185), 272 Seiten, mit zahl-reichen Abb. Frankfurt am Main 1974, Suhrkamp Verlag.
Als die Ständegesellschaft allmählich verging und 1848 auch offiziell ihrEnde fand, begann die Beschäftigung mit den vormals ständisch gebundenenErscheinungen, besonders mit den bäuerlichen Sitten und Bräuchen, in vorhernicht gekannter Weise. Nun hat ein weiteres Jahrhundert der„ neuen Auf-klärung" die„ Bürgerliche" Familie soweit verändert, zum Teil auch gesetzlichumgeformt, daß die Beschäftigung mit ihrem Werdegang nahegerückt erscheint.Nicht, daß es vordem keine„ Sozialgeschichte" der Ehe, der Familie gegebenhätte. Selbst eine„ Volkskunde der Ehe" wurde gelegentlich geschrieben. Aber
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