Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Seite
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Johann Haider, Die Geschichte des Theaterwesens imBenediktinerstift Seitenstetten in Barock und Auf-klärung(= Theatergeschichte Österreichs, Bd. IV: Niederösterreich.Heft 1, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Kommissionfür Theatergeschichte Österreichs). 228 Seiten, mit 15 Abb., Wien 1973,Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. S 300,-.

Die Theaterwissenschaft hat infolge ihrer Beziehungen zum Volksschau-spiel enge Berührungen mit der Volkskunde. In Österreich werden von derLehrkanzel für Theaterwissenschaft an der Universität Wien diese Beziehungenauch gepflegt, und wertvolle Ergebnisse lassen sich dementsprechend immerwieder feststellen. Dazu gehört jedenfalls das großangelegte Unternehmen einer,, Theatergeschichte Österreichs", die aus den klug vorbereiteten Dissertationenbesagter Lehrkanzel besteht. In dieser von der Österreichischen Akademie derWissenschaften herausgegebenen Reihe sind schon mehrere Bände erschienen,die für uns wichtig sind, besonders die beiden Dissertationen über Ober-österreich, nämlich( 1/1) von Albert Sturm die Theatergeschichte Ober-österreichs im 16. und 17., und( 1/2) von Fritz Fuhrich die Theater-geschichte Oberösterreichs im 18. Jahrhundert. In der gleichen Reihe erschienauch die Theatergeschichte des östlichen Tirol( 2/1) von Norbert Hölzl, diemit ihren engen Beziehungen zum Volksschauspiel besonders bedeutsam ist.

Nun ist auch ein Band über das sonst immer etwas weniger berück-sichtigte Niederösterreich erschienen. Erfreulicherweise handelt es sich um einevorzügliche Arbeit, noch dazu über ein bisher nie behandeltes Gebiet. Denndas große Benediktinerstift Seitenstetten im äußersten Westen des Lan-des lag abseits der großen ,, Kaiserstraße" von Wien über Melk nach St. Florian,und wurde daher in vielen Dingen kaum beachtet, obwohl es sich um einreiches, bedeutsames Stift handelt, das beispielsweise die gewaltige WallfahrtSonntagsberg betreut. Seitenstetten hat immer regen Schul- und Musikbetriebbesessen. Über die Geschichte der Musik- und Theaterpflege ist verwunder-licherweise nie etwas veröffentlicht worden. Haider mußte ganz aus den Quel-len, den verschiedenen Rechnungsbüchern vor allem, arbeiten, und hat dieswirklich vorzüglich geschafft.

Vom eigentlichen benediktinischen Ordenstheaterleben, auch von derspätbarocken ,, Klosteroperette", die also auch in Seitenstetten sehr schön nach-weisbar ist, braucht hier nichts gesagt zu werden. Hauptsache für uns sinddie Verbindungen zum Volksschauspiel, und da ergeben sich doch einige sehrwichtige. Da läßt sich beispielsweise für 1616 ein Weltgerichtsspiel in Ybbsitznachweisen, selbstverständlich verschiedene Fastnachtspiele im 17. und 18. Jahr-hundert, ein Passionsspiel für 1693. Von Aschbach scheinen die Sternsingerin das nahe Stift gekommen zu sein, 1623, 1651 und öfter berichten die Rech-nungen darüber. Haider zeigt in zwei Exkursen außerdem auf, was es imStift an Krippen gegeben hat( S. 180), und zu Ostern an Heiligen Gräbernund Fuẞwaschungszeremonien( S. 182 ff.). Bemerkenswert bleibt sicherlich derAbschnitt über, Thurner, Singer und andere Musikanten, Gaukler und Schau-steller als Gäste im Stift"( S. 45 f.). Daß einmal acht Savoyarden mit,, curieusen Instrumenten" 1733 genannt werden( S. 48), sei doch eigens ver-merkt.

Ein köstlicher Fund ist Haider mit dem Tendlpoẞ" des P. NorbertPambichler von 1768 geglückt. Es ist ein Faschingsspiel, in dem Ver-körperungen des Tendlpoẞ", anderswo Dreschhahn" genannten Brauches auf-treten. Sie erwirken bei der zu sparsamen Bäuerin, daß zur Feier der Drusch-beendigung doch so wie üblich ausgiebig geschmaust werden kann. Das origi-nelle Mundartstück mit seinen eingelegten Liedern( Drescherlied, Spinnlied),

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