Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Seite
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Systematik des deutschen Volkstanzes

Von Karl Horak

Die Volkstanzkunde ist ein junger Zweig der deutschen Volks-kunde. Zwar wurde dem Volkstanz schon im vorigen JahrhundertBeachtung geschenkt, aber die Dokumentation ging über die Nieder-schrift einzelner Melodien und eine beiläufige Schilderung des Tanz-ablaufes nicht hinaus. So wertvoll etwa die Angaben über die Tanz-musik in der Knaffl- Handschrift ¹) sind, nach der Bemerkung ,, Wasdas figürliche des Tanzes selbst anbelangt, so könnte man solcheneinen wilden Straßburger nennen. Es kommen in jenem mehrereFiguren vor, welche mit dem Straßburger große Ähnlichkeit, aberetwas plumpes und wenig zierliches haben" kann man sich den Be-wegungsablauf nicht vorstellen. Meist fanden nur auffällige Tanzfor-men größere Beachtung, wie die Schwert- und Reiftänze 2) oder dieZwiefachen ³).

Die Tanzgeschichten und-lehrbücher befaßten sich vor allemmit dem höfischen und gesellschaftlichen Tanz und seinen Kunst- undSchauformen bei Festen und im Theater. Der Volkstanz wurde alsetwas grundlegend Anderes und vor allem abwertend 4) nur am Randeerwähnt, nach heutiger Ausdrucksweise als folkloristische Quelle desGesellschafts- und Kunsttanzes. Auch die seinerzeit beste Quelle, die, Geschichte des Tanzes in Deutschland" von Franz M. Böhme 5),behandelt den Tanz im gesamten Umfang soweit er nicht auf derBühne dargestellt wird, also den höfischen Tanz, Gesellschaftstanzund Volkstanz. Bei den damaligen Kenntnissen erschöpfen sich dieMitteilungen über den Volkstanz meist nur in Aufzählungen vonNamen, gelegentlich werden auch einige Melodien als Beispiele ge-bracht; die Bewegungen der Volkstänze, soweit sie überhaupt an-1) Viktor Geramb: Die Knaffl- Handschrift, eine obersteirische Volks-kunde aus dem Jahre 1813. Berlin 1928. S. 112 u. 132 f..

2) Vgl. die umfangreiche Schwerttanz- Literatur in Kurt Meschke:Schwerttanz und Schwerttanzspiel im germanischen Kulturkreis. Leipzig 1931.3) Vgl. die umfangreiche Zwiefachen- Literatur, die bis 1848 zurückreicht,

in Felix Hoerburger: Die Zwiefachen. Berlin 1956.

4) Dorothee Günther: Der Tanz als Bewegungsphänomen. Reinbeckbei Hamburg 1962. S. 212.

5) 2 Bände. Leipzig 1886.

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