Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
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auch Einzelbeiträge aus der Laographia" und manches andere. So ist ein Bandentstanden, den man gern neben anderen schon vorhandenen Sammlungen neu-griechischer Märchen in deutschen Übersetzungen benützen wird.

Ein für den Märchenfreund also interessantes Unternehmen, das man aberwohl auch von seiten der wissenschaftlichen Märchenforschung im Auge wirdbehalten müssen.Leopold Schmidt

Reiner Hausherr, Bible moralisée. Faksimile- Ausgabe im Originalformat descodex Vondobonensis 2554 der Österreichischen Nationalbibliothek. Bd. I:Facsimile, 133 Farbbildseiten( 67 fol.); Bd. II: Commentarium( deutsch u.französisch), 72 Seiten folio. Graz, Akademische Druck- u. VerlagsanstaltParis, Club du livre, 1973.

Unter einer, Bible moralisée"( der Name begegnet uns erst im 15. Jh.) ver-steht man seit dem 13. Jh. Bibelauslegungen, in denen die moralisierende Deutungdes Sinnes der Hl. Schrift im Vordergrunde steht gegenüber der wörtlichen, derallegorischen und der anagogischen Erfassung. Während man von dieser Hss.-Gattung insgesamt 14 kennt, sind nur vier noch aus dem 13. Jh. erhalten; zweidavon in Wien, eine im Kathedralschatz zu Toledo, eine in Paris. Nur dieseletztgenannte war von Comte Alexandre de Laborde 1811-1827 infünf Bänden herausgegeben worden. Der ikonographisch besonders wertvolleWiener cod. 2554 unserer Nationalbibliothek, der sich in vielem von den anderenunterscheidet, wird hier wiederum zu Graz von jener Akademischen Druck-u. Verlagsanstalt" in einem bibliophilen Facsimile herausgebracht, von der wirhier bereits den Krumauer Bildercodex"( ÖZV XXII, 1968/4, 273 ff.), das Tacuinum sanitatis in medicina"( ÖZV XXIII, 1969, 3-4, 258 ff.) und zuletztdas Speculum humanae salvationis"( ÖZV XXVIII, 1974/2, 171 ff.) hattenanzeigen dürfen. Auch die vorliegende Prachtwiedergabe der Bible moralisée er-schließt eine eigenartige Welt bildhafter re- praesentatio des christlichen Heils-geschehens in Handschriftillustrationen, die nach der Vermutung des Volks-kundlers doch wohl der Entwicklung des geistlichen Dramas wie der lyrischenlateinisch- französischen religiösen Dichtung im Frankreich des frühen 13. Jhs.parallel laufen dürften.

Mit Ausnahme einer einzigen Seite, auf der Gott gleichsam als Architektdes Universums" mit einem Zirkel( früheste Darstellung England, 11. Jh.!) denKosmos ausmißt, zeitgleich mit der hohen Kunst der gotischen KathedralenNordfrankreichs, sind alle übrigen Blätter in acht kreisrunde Medaillons unter-teilt und von Schriftblöcken in französischer Sprache eingerahmt, die obenBibeltexte zusammenfassen oder paraphrasieren und sie im unteren Folienteilewiederum auslegen, deuten", so wie jeweils acht Bildszenen und acht Text-stellen paarweise einander zugeordnet sind. Der Primat der Bilder mit ihreraufwendigen Miniaturenmalerei vermutlich als Erbauungsbuch" für eine hoch-gestellte Laienpersönlichkeit, der es auf Schau" zur Verehrung, nicht auf eintheologisches Compendium angekommen war, ist offenkundig.

Wir wissen fast nichts über Ursprung und erste Eigentümer der so groß-artigen Bilderhandschrift, die man heute auf Grund von Stilkriterien und dia-lektologischen Vergleichen Paris und der Zeit bald nach 1230 zuordnen möchte( R. Hauss herr). Erst ab dem 16. Jh. hellt sich die Besitz- und Wander-geschichte des Codex beim Zusatz lothringischer Geschlechterwappen etwas auf.Die Handschrift gelangt 1783 über das berühmte Damenstift von Hall i. T. andie Wiener Hofbibliothek, aus der sie nur zwischen 1809 und 1813/14 nachParis verbracht war.

Nicht eine vollständige Hl. Schrift des Alten Testamentes ist in Bild undText gegeben. Der Abbruch im Buch der Könige" hatte zu Mußmaßungen

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