dem Boden von Böhmen und Mähren möglich war und tunlich erscheint. Kara-sek ist offenbar eine späte Versöhnung von Deutschen und Tschechen imGeiste der Weihnachtskrippe vorgeschwebt. Umgekehrt mag man praktisch-kühl feststellen, daß sich vor allem die historische Bezeugung nicht nach dersprachnationalen Zugehörigkeit richten könnte. Die Jesuiten suchten Deutschewie Tschechen zum Katholizismus zurückzuführen, vermittelten beiden Liederfür Weihnachten, die sprachlich getrennt sein konnten, und anschauliche Ge-mälde, die keiner Sprache bedurften. Es war erst dem 19. Jahrhundert und sei-nem ,, Sprachenkonflikt" im alten Österreich- Ungarn beschieden, auch in dieWeihnachtskrippe einzuziehen: Damals nämlich, als die Hirten und Bauern inden tschechischen Krippen plötzlich in betonten Nationaltrachten erschienen.Politischer Folklorismus von einst, ein merkwürdiges Kapitel, das aber wie alleanderen in diesem Buch mit Redlichkeit vorgestellt wird.
Der Verlag hat sich um die Ausstattung des mächtigen Bandes sehr be-müht. Der umfangreiche Text mit seinen 2040 Anmerkungen muß da ebensogerühmt werden wie die gut aufgeschlüsselten Register, und die Karten imText sind ebenso zu bedanken wie die Abbildungen auf den Tafeln, die wenig-stens die wichtigsten Typen nach erhaltenen Stücken andeuten. Ein in seinerArt grundlegendes Werk also, an dem wir alle viel lernen können.
Leopold Schmidt
Günther Kapfhammer( Hg.), Bayerische Schwänke.„ dastunkaund dalogn". 246 Seiten. Mit 30 Illustrationen aus den Münchner„ Fliegenden Blättern" und von Ignatius Taschner. Düsseldorf1974, Eugen Diederichs Verlag. DM 25,-.
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Köln,
Seiner umfangreichen Ausgabe„ Bayerische Sagen" läßt Kapfhammer nun-mehr den schönen Band ,, Bayerische Schwänke" folgen, wobei sich„ Bayerisch"wieder auf das Gesamtgebiet des Freistaates Bayern, nicht etwa auf Altbayernallein bezieht. Man muß das auch in der Erzählforschung immer betonen, weilja das Erzählgut, die Erzähltraditionen, die Erzählgewohnheiten bei Altbayern,Franken und Schwaben durchaus nicht die gleichen sind und auch nicht seinkönnen. Aber es gibt immerhin kleinere landschaftliche Sammlungen zumal ausFranken und aus Schwaben, und so lassen sich diese stärker engräumig gebunde-nen Erscheinungen doch genauer feststellen, und der Band Kapfhammers stelltden Gesamtbestand, wenn man so sagen will, nun nebeneinander, was in mehrals einer Hinsicht interessant ist. Was die Anordnung betrifft, so folgt Kapf-hammer dem gescheiten Katalogisierungsvorschlag für die Encyclopädie desMärchens, den Elfriede Moser Rath 1969 vorgelegt hat. Das reicheMaterial, das zum Teil auch auf eigenen Aufzeichnungen Kapfhammers beruht,liegt also gut gegliedert vor, der Nacharbeiter wird bedauern, daß die Stückenicht numeriert sind, aber das wollen manche Verleger nicht, obwohl es wohlkeinen Leser stört. Man fände dann die Anmerkungen leichter, welche Kapf-hammer diesmal recht ausreichend beigestellt hat, obwohl er ausdrücklich ver-merkt, es sei nicht das„ Ziel der Ausgabe” gewesen,„ jede Erzähleinheit zukommentieren". Das wäre ja auch schwierig; die Kommentierung etwa nachHerkunft und Verbreitung bei Wanderanekdoten ist undankbar und scheintmanchmal recht ergebnisarm. In Seminaren aber wird man sie doch immerwieder durchführen lassen, und eifrige Leser können sich, wie einst AlbertWesselski, ihre„ Lesefrüchte" ja an den Rand des schönen Buches notieren.Alles in allem aber ist es ein erfreuliches Buch, voll von wenig bekanntenSchwänken, daher fast durchwegs gut lesbar, und fachlich brauchbar undnützlich.Leopold Schmidt
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