Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
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büchern bestimmt, von uns aus nicht vollständig erfassen. Aber der vorliegendeBand soll doch nicht ohne kurze Erwähnung bleiben.

Der stattliche und gleichzeitig billige Band bringt jeweils ein paar Sagenaus Oberösterreich, Salzburg, Bayern, der Schweiz, Vorarlberg, Nordtirol, Süd-tirol, Krain, Kärnten, Steiermark, Burgenland, Niederösterreich, und schließlicheine Faust- Sage aus Wien. Die aus veröffentlichten Quellen oder auch von Brau-mann aufgezeichneten Sagen sind neu stilisiert, lesbar wiedererzählt. Im Nach-wort beklagt sich Braumann darüber, daß die Sagensammlungen vielfach nurverdorrte Fassungen, knappe Inhaltsangaben wiedergeben: Immer wieder wört-lich abgeschrieben, werden sie nun von Sagenwerk zu Sagenwerk als ersteFassung weitergetragen"( S. 258). Braumann hat immerhin einige dieser,, Sagenwerke" in seinem Literaturverzeichnis aufgezählt. Man findet darin soseltsame Namen wie Vernalaeken"( statt Vernaleken) und Leoprechtung"( statt Leoprechting). Aber Braumann ist auf die alte Sagenforschung überhauptnicht gut zu sprechen. Da heißt es etwa: Die Sagenforschung wurde lange Zeitder Volkskunde allein zugeordnet. Sie blieb damit auf den Zeitgeist der Roman-tik, in der die Volkskunde zur Wissenschaft aufstieg, festgelegt. Sie geriet da-durch mit dem Abklingen jenes Zeitgeistes in Gefahr, als ein Rückstand über-wundener Geisteshaltungen abgetan zu werden. Erst als in der neueren Zeit dieGeistesgeschichte mit der Sage zusammentraf, wurde sie ein immer wertvolle-res Forschungsobjekt der Geistesgeschichte und Soziologie".( S. 259). Vielleichtmuß man dazusagen, daß das neueste Buch, das Braumann in seinem Quellen-verzeichnis zitiert, Friedrich Rankes Volkssagenforschung" von 1935 ist: Immer-hin ein vierzig Jahre altes, durchaus nicht unbestrittenes Buch. Was in deninzwischen vergangenen vierzig Jahren sonst, und zwar von seiten der Volks-kunde, zur Sage gesagt wurde, hat Braumann offenbar nie gesehen.

Nun, dafür hat er ,, Phonetische Aufnahmen der mündlichen Berichte ver-schiedener Gewährsleute und alter Sagenerzähler aus der Heimat der Vor-fahren des Autors" gemacht( S. 260), die in dem Buch auch verwertet seinsollen. Leider hat Braumann nicht angegeben, welche Sagen er nach den Ge-währsleuten" oder nach den alten Sagenerzählungen", die offenbar miteinandernicht identisch sind, wiedergegeben hat. Er muß ja auch nicht, von einemvolkstümlichen Jugendbuch verlangt man das nicht unbedingt. Aber in einemsolchen Jugendbuch ist auch der erwähnte Angriff auf die Volkskunde nichtam Platz.Leopold Schmidt

Alfred Karasek und Josef Lanz, Krippenkunst in Böhmen

und

Mähren vom Frühbarock bis zur Gegenwart. Archiv-forschung: Dr. Ludwig Maresch, Kartographie: Ing. RomanStrzygowski. Im Auftrage der Kommission für ostdeutsche Volks-kunde in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V. herausgegebenvon Erhard Riemann. Marburg an der Lahn 1974. VIII und 364 SeitenGroßquart, 4 Farbtafeln 77 meist ganzseitige Abbildungen und 16 Kartenim Text. DM 198,-.

Ein Werk dieser Art hätte wohl vor vielleicht sechzig Jahren erscheinensollen, dann wäre die ganze weitere Krippenforschung vernünftiger verlaufen.Dann hätte man allenthalben, nicht zuletzt in Österreich, überlegt, wie viel-fältig doch kulturelle Erscheinungen und ihre künstlerischen Ausformungensein können, wenn sie nicht in wenigen Probestücken, sondern in den tatsäch-lich vorhandenen, nachweisbaren zehntausenden Exemplaren auftreten und beieinigem Bemühen doch auch geordnet dargestellt werden können. Man hättedann schon daran eingehender denken können, daß Wien um 1900 zur größtenStadt der Menschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien geworden war, und

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