Literatur der Volkskunde
Helge Gerndt, Vierbergelauf. Gegenwart und
Geschichte einesKärntner Brauches(= Aus Forschung und Kunst, Bd. 20).239 Seiten, mit 14 Diagrammen im Text, 44 Abb. auf Kunstdruckpapierim Anhang und einer Farbtafel. Klagenfurt 1973, Geschichtsverein fürKärnten. In Kommission bei Rudolf Habelt Verlag GmbH, Bonn.Monographien über einzelne stark betonte Bräuche sind verhältnismäßigselten. Es gibt selbst über sehr bekannte Großräuche wie etwa das EbenseerGlöcklerlaufen keine solche Darstellung, und die einigermaßen vergleichbarenMonographien etwa über die Schemenlaufen in Imst und Nassereith liegennun doch schon wieder einige Jahrzehnte zurück. Jährlich wiederholte Groß-wallfahrten, die man zweifellos auch hierherstellen kann, sind kaum schonwirklich monographisch behandelt worden, wenigstens im alpenländischen Be-reich. Aber für Franken hat Wolfgang Brückner mit seiner umfangreichenund tiefgreifenden Monographie über die Wallfahrt nach Walldürrn ein her-vorragendes Beispiel geschaffen.
Von diesem Beispiel aus kann man vielleicht die vorliegende prächtigeMonographie von Helge Gerndt am besten beurteilen. Wohl hat der Vierberge-lauf, der so eng mit dem archäologisch hochberühmt gewordenen Magdalens-berg verbunden ist, schon früh Beachtung gefunden, und durch Georg Graberbereits 1912 eine erste monographische Darstellung erhalten. Die steten Be-mühungen vieler anderer Forscher in den letzten sechzig Jahren sollen auch nichtunterschätzt werden, und Gerndt tut das auch durchaus nicht, sondern berichtetsehr sachlich über sie. Die großen persönlichen Anregungen zur Untersuchungund Darstellung des Vierbergelaufes sind selbstverständlich von seinen Münch-ner Lehrern Rudolf Kriss und Leopold Kretzenbacher ausgegangen,die auch persönlich den Lauf mehrmals mitgemacht haben und in verschiedenenFormen jeweils darüber auch Darstellungen und Untersuchungen veröffentlichthaben, die Gerndt dankbar verwenden konnte. Aber das Buch, wie es heutevorliegt, ist dennoch die ganz persönliche Leistung Gerndts, der sich im Er-scheinungsjahr damit auch habilitiert hat.
Helge Gerndt berichtet in seiner Einleitung über die„ Probleme des Vier-bergelaufes" und gibt dabei eine eingehende wissenschaftsgeschichtliche Über-sicht, von Franziszi und Waizer über Graber und Emil Lorenzbis zur unmittelbaren Gegenwart. Er reflektiert im Sinn gegenwärtiger For-schung dabei auch darüber, in welchem Ausmaß die Ergebnisse der älterenForschung bis zu den Brauchträgern zurückgeflossen sein mögen. Die kritischeAuseinandersetzung mit gegenwärtigen Strömungen der Brauchforschung zei-gen eine noble Gelassenheit gegenüber Auswüchsen, ohne Verzicht auf eventuelleAnregungsgewinste. Diese Einstellung dient nicht zuletzt dazu, ruhig darzulegen,daß man Erlebnis und Fragebogen und archivalische Zeugniserhebung durchausmiteinander verbinden könne. Wenn etwas, wie die statistischen Graphikenvielleicht einigermaßen aus dem Rahmen bisher verwendeter Methoden zu fallenscheine, meint der Verfasser( S. 25), dürfe man dies ja„ in erster Linie als eindidaktisches Bemühen" verstehen.
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