Jahrgang 
78 (1975) / N.S. 29
Seite
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Die Ekstase

in volks- und völkerkundlicher Sicht

Von Karl Ilg

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Für den Volks- und Völkerkundler d. h. also sowohl für denEthnologen, der sich auf europäische Erscheinungen ausrichtet, wie fürden, der die außereuropäischen Eigentümlichkeiten beobachtet istdie Ekstase bzw. sind die ekstatischen Erscheinungen schon lange be-kannte und interessante Phänomene.

Die Gegenwart mit ihren z. T. krankhaften Wünschen, sich vonalltäglichen Fesseln und von überkommenen unangenehm empfundenenOrdnungen mittels Drogen zu lösen, und gleichermaßen andere,, schönere" Sphären aufzusuchen, gibt unserem Versuch, diese Er-scheinungen in volks- und völkerkundlicher Sicht zusammenzufassen,eine um diesen bedauerlichen! Akzent vermehrte, eigentümlicheAktualität.

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Ich schreibe mit Absicht von einem Versuch"; denn die Dar-stellung kann sich nur auf eine Auswahl von Erscheinungen beziehen.Allein sie machen bereits hinreichend die enge Verwandtschaft volks-und völkerkundlicher Erscheinungen deutlich.

Ausgehend von der Bedeutung des Wortes Ekstase, das sichbekanntlich vom griechischen Exotaσto ableitet und das zu übersetzenist mit ,, Austritt", Heraustritt, verstehen wir unter ihr den Austrittder Seele, des Geistes aus dem Körper. An Stelle der austretendenSeele soll sich eine andere Seele" in diesem Körper vorübergehendniederlassen und ihn beherrschen..

Der Körper steht damit unter einem fremden Zwang und mußdanach handeln.

Dabei kann die Herbeiführung der Ekstasis, des ,, Austritts derSeele" freiwillig oder unfreiwillig geschehen und im letzteren Falleals ein Zwang vom Anfang bis zum Ende gelten.

Ich möchte bei der Darstellung dieses Phänomens mit jenenErscheinungen beginnen, welche uns aus der Volks- und Völkerkundeunter dem Begriff Zweites Gesicht", Eidetik bekannt und mehrfachin die Literatur eingegangen ist. Ich weise bei deren Verbreitung ins-besondere auf das norddeutsche Flachland, etwa auf die einsame, oft

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