Gedanken zur Linzer Stadtvolkskunde
von Hans Commenda*)
Von Alexander Jalkotzy
Stadtvolkskunde ist heute im universitären, volkskundlichenLehr- und Wissenschaftsbetrieb kein unbekannter Faktor mehr.Volkskundliche Splitter aus dem pulsierenden Leben einer Stadtbieten dem Wissenschafter und Studenten genug Anreiz, Arbeitendarüber zu verfassen. In Monographien über Städte und Stadtteilehat sich die Volkskunde zum Großteil ihren berechtigten Platzerkämpft. Eine Volkskunde der Stadt wissenschaftlich in den Griffzu bekommen ist kein leichtes Unterfangen, handelt es sich doch inder Stadt um ein heterogenes Konglomerat verschiedenster Gesell-schaftsschichten.
Die Beschäftigung mit der Stadt, ja mit der Großstadt, war langeZeit nur auf Hochkultur, auf Historie beschränkt; dem„ einfachen"Bewohner schenkte man kaum Beachtung. Die mittelalterliche Rea-lienkunde, ich denke hierbei vornehmlich an Krems, bringt erst jetztzutage, wie der Alltag einer mittelalterlichen Stadt vorstellbar ist.Wer hat sich bislang für die kleinen Details interessiert, die so tref-fend das mittelalterliche Leben zeigen und auf vielen Werken derBildenden Kunst zu sehen sind? Die Kunstgeschichte hält schützendihre Hände über diese Meisterwerke und verhindert den Blick hinterdie Kulissen; Goldener Schnitt, Achsen, Linien, Teilungen sind jawichtiger als die Deutung der Szenerien des Alltagslebens. Erst dieinterdisziplinäre Wissenschaft macht es möglich, daß die Wichtigkeitim Kleinen gesucht und gefunden wird, und somit auch Ansätzegeliefert werden, die für eine historisch aufgearbeitete Stadtvolks-
*) Vortrag, gehalten am 18. Österr. Historikertag in der Sektion„ HistorischeVolks- und Völkerkunde" am 27. 9. 1990 in Linz
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