Insgesamt aber ist der Band ein Beleg dafür, daß irgendwo und irgendwie weiter er-zählt und diesen Erzählungen weiter vertraut wird.
Felix Karlinger
Trude Ehlert, Das Kochbuch des Mittelalters. Rezepte aus alter Zeit,eingeleitet, erläutert und ausprobiert von Trude Ehlert. Zürich- München, ArtemisVerlag, 1990, 247 Seiten, 10 Farbbilder, zahlreiche s/ w Abb.
Mit dem großzügig und übersichtlich ausgestatteten Werk wird erstmals ein fun-dierter und in die Praktik übersetzbarer Einblick in die Kulinarik des Mittelalters ge-boten. Die Autorin ist nicht nur Universitätsprofessorin an der Friedrich- Wilhelms-Universität in Bonn, sondern auch passionierte Kochkundige. Sie hat es sich zur Auf-gabe gemacht, aus den wichtigsten spätmittelalterlichen Rezeptsammlungen des deut-schen Sprachraumes wesentliche herauszugreifen, zu übersetzen und- da sie zumeistohne Maẞangaben und Garzeiten sind- mit den entsprechenden zu versehen. Die Re-zepte gehören dem 14., 15. und 16. Jahrhundert an, vom ersten erhaltenen deutschenKochbuch, dem„ Buoch von guoter spise"( 1345/52) bis zur Grazer Handschrift( 1606). Wie bei Rezeptsammlungen damals allgemein, handelt es sich um Kochanlei-tungen für die oberste Schicht adeliger und kirchlicher Würdenträger sowie für patri-ziale Haushaltungen. Mit dieser ständischen Bindung ergibt sich die Beziehung zu denAblieferungsdaten der Bauern und daraus die Notwendigkeit des Konservierens undder im Vergleich zu unserer Zeit auffallend starken Würzung. Die Speisen sind aberauch von den religiösen Geboten zu den überdurchschnittlich vielen Fasttagen ge-prägt. Sie nehmen auf die damals geltenden Gesundheitsregeln Rücksicht, die sich ander Humorallehre( Säftelehre) ausrichten. Die damals unumgänglichen Grundteigewerden gesondert herausgehoben und rezeptiert( Strauben, Krapfen, Pfannkuchen, Pa-steten sowie Mandelmilch, Erbsenbrühe und Fischfond). Neben der kulturhistorischenEinführung sind Kapitel über Suppen, Soßen, Eier- und Mehlspeisen, Innereien, Pa-steten, Tartes und Teigwaren, Fisch, Geflügel, Fleisch, Wild, Gemüse, Dessert, Ge-bäck, Scheingerichte, Schaugerichte, Scherzrezepte und Menüvorschläge geboten.
Zu den Fragezeichen, die die Autorin setzt, seien folgende Deutungsvorschläge an-getragen: Die überdurchschnittlich starke Würzung, falls sie in Maßen angegeben ist,mag u. a. daher rühren, daß Gewürze damals in Apotheken verkauft und mit Apothe-ker- Loth, das geringer war, gewogen wurden. Bezüglich der Frage nach den rechtek-kigen Brettern oder Tellern am Tischtuch auf Abb. 107 dürfte es sich um die bei Rum-polt CLXX/ 63 rezeptierten„ Dicken Waffeln“ handeln, die Anna Wecker als„, Gof-fern“ bezeichnet. Sie wurden in rechteckigen Klemmeisen gebacken.
Das Bildmaterial des Buches geht teilweise über den deutschen Sprachraum hinausund macht Tischkultur und Kulinarik im Westen und Süden Europas lebendig. DieSchwarzweißabbildungen stammen aus dem spätmittelalterlichen Straßburg.
5 1/2 Seiten Bibliographie und Zitatennachweis zeichnen das Werk als profundewissenschaftliche Arbeit aus, die gleichzeitig allgemeinverständlich formuliert, alspraktisches, erprobtes Kochbuch verwendbar ist. In der eingearbeiteten, zeitgenössi-
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