Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
396
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Nijloveanu hält es nicht für nötig, wie andere Volkslied- Herausgeber, in Stil oderSprache einzugreifen, sondern er beläßt weitgehend die Texte in ihrer Originalität.Daß er diesen nicht immer leicht zu verstehenden Balladen und Liedern ein zehnseiti-ges Glossar beigegeben hat, ist ihm besonders zu danken, denn es erleichtert das Ver-ständnis erheblich.

In seiner Gliederung folgt der Autor dem üblichen Schema, das heißt, er beginnt mitden mythischen und sagenhaften Balladen und führt über heroische und historischeThematik zu den typisch rumänischen Hirten- und Familien- Balladen( vielleicht hätteer bei der Aufschlüsselung im Inhaltsverzeichnis hier die einzelnen Titel bringen sol-len). Im weiteren Verlauf kommen die verschiedenen Gattungen des Volkslieds zuWort- etwa auch Lieder mit Bezug auf den letzten Krieg- insgesamt sind es 1050Liedtexte. Auch die Kinderlieder sind gebührend berücksichtigt und erheitern durchihre verspielten Einfälle.

Nijloveanu hat die Ausgabe seinen ehemaligen Lehrern D. Caracostea und I. A.Candrea gewidmet und damit auf würdige Weise jene großen Gelehrten ins Gedächt-nis gerufen, denen er selbst mit Eifer und Talent gefolgt ist.

Felix Karlinger

Sigrid Lichtenberger, Hundert hessische Hexensagen. Kassel, ErichRöth Verlag, 1989, 180 Seiten.

Die gekennzeichnete Hexe.- Dann erzählte früher der Förster, der Förster imWald. Frauen waren im Wald, obwohl es verboten war, und haben Gras mit der Sichelabgemäht. Dabei war eine Frau, der man tatsächlich nachgesagt hat, daß sie hexenkönne.- Der Förster ist dieser Frau mehrmals nachgegangen und wollte sie erwischen.Und wenn er sie einmal gesehen hat und ist nachgekommen und hat sie nach ihren Per-sonalien fragen wollen, auf einmal hat sie in Form eines Busches vor ihm gestanden.Er hat ein Messer rausgenommen und hat einen Schnitt getan, eben in die Rute. Unddie betreffende Frau hat nachher lange zu Hause gelegen mit einem verbundenen Hals.- Das ist so, was die alten Leute sich noch erzählen. Hat später noch die Narbe gehabt,hat man noch lange gesehn."

Der vorliegende Band bildet in der Reihe, Deutsche Sagen" die Nummer 3 und istHessen gewidmet. Der Auswahl liegt eine Sammlung von zirka tausend Texten zu-grunde; ihre Stärke bilden unter anderem die Spontaneität und Aktualität der Ge-schichten. Man spürt heraus, wieweit doch noch zu einer Zeit, da sonst mündliches Er-zählen geschwunden ist, latent eine alte Tradition weiterwirkt. Die Sammeltätigkeitreicht bis in die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein und bringt unterschiedli-ches in summa aber doch erstaunliches Material.

Die Herausgeberin schreibt im Nachwort: Während aber im dörflichen Bereich, indem diese Sagen gesammelt wurden, der Glaube an die Macht der Hexen im Schwin-den begriffen ist und oft kaum noch zu entdecken ist, sind es in den Städten die, neuenHexen', die zwar nicht wie in der Volkssage als einzelne wirken, sondern ihre Macht

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