Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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Qualitative MirakelforschungMethodische Überlegungen zur Erforschungbarocker Mirakelbücher

Von Ingo Schneider

Nach verstreuten Anfängen trat die Mirakelliteratur in den drei-Biger Jahren verstärkt in den Blickpunkt volkskundlichen For-schungsinteresses. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung warüberwiegend von dem Bestreben gekennzeichnet, große Daten-mengen in den Griff zu bekommen. Man erkannte in den Mirakel-büchern wertvolle kulturhistorische Quellen, insbesondere zurErforschung des Wallfahrtslebens, und versuchte diese vor allemquantitativ auszuwerten. Neben der Analyse der( Wallfahrts-)Anliegen und deren Interpretation nach kultur- bzw. medizin-historischen Gesichtspunkten galt das Interesse in erster Linie Fra-gen der Kultdynamik und Kultgeographie, der sozialen Schichtungder Wallfahrer sowie den Wallfahrtsobjektivationen, den Opfer-gaben aller Art. Ohne den Wert solcher Studien pauschal bezwei-feln zu wollen, möchte ich doch meine Bedenken gegenüber dendabei zugrundegelegten methodischen Prämissen vortragen und imfolgenden einen anderen Interpretationsansatz exemplarisch dar-stellen.

Wer sich einmal näher mit Mirakelbüchern befaßt hat, kannermessen, wie zeitaufwendig, aber auch arbeitsorganisatorischschwierig eine quantitative Auswertung solcher Quellen ist. Mankann sich aber auch des Eindrucks nicht erwehren, daß die Ergeb-nisse einer derart massenhaften Verarbeitung von Daten letztlichmit innerer Konsequenz immer irgendwie an der Oberfläche blei-ben. Die bisherige volkskundliche Mirakelforschung ging, vonAusnahmen abgesehen¹, meines Erachtens zu sehr in die Breite

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