Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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zischer Mundart, Leipzig 1906) von mehreren Gesichtspunkten aus. Diese Märchen-sammlung enthält die Erzählungen des Tobias Kern, der über 30 Jahre hindurchStraßenkehrer in Ödenburg war. B. Bünker schildert die volkssprachlichen Eigenar-ten des Erzählers und unternimmt die motivgeschichtliche Einordnung der Märchen,indem sie deren mythische und reale Beziehungen aufdeckt. In den Märchen spiegeltsich die eigenartige Erzählweise des Tobias Kern wider die Dialoge sind schwung-voll und treffend, kein Satz in ihnen ist überflüssig. Tobias Kern hatte einen ausge-prägten Sinn für Humor, immer wieder erscheinen in seinen Erzählungen Elementeder Groteske und der Parodie. Nach einer detaillierten Analyse gelangt BrigitteBünker zum Schluß: Der Kernsche Märchenstil kann also, um mit Lüthischen Kate-gorien zu sprechen, durchaus nicht als, abstrakt bezeichnet werden, vielmehr seienfür die Märchen Lebendigkeit und Ursprünglichkeit bezeichnend. Wir können es nurbegrüßen, daß J. R. Bünkers vorzügliche Märchensammlung erneut in den Vorder-grund der Aufmerksamkeit gerückt und seine Tätigkeit in europäische Zusammen-hänge gestellt wurde, zumal die Tatsache, daß J. R. Bünker in Ungarn der erste war,der die Persönlichkeit des Märchenerzählers in den Vordergrund stellte, von ungarischen Folkloristen kaum, wenn überhaupt, erwähnt wird.

Den Band setzt Katharina Wild mit ihrer Abhandlung über deutsche Kirmesbräu-che in Südungarn fort; die Themen sind der Kirmesball, die Verlosung des Schafesoder eines Halstuches, das Hahnenschlagen, die Beziehung zwischen Jahrmarkt undKirmes, die Handwerkerkirchweih, die Kirmesspeise und die Kirmeskleidung. Diedeutschen Einwohner hätten hierbei von der ungarischsprachigen Umwelt nichtsWesentliches übernommen, schreibt K. Wild, und ihre eigenen Überlieferungensorgfältig bewahrt. Die ethnische Zusammensetzung, die mundartlichen Eigenartenund das jeweilige Herkunftsland der deutschen Siedlergruppen spiegelten sich in denBräuchen deutlich wider.

Im weiteren lesen wir über Brotbacken( Maria Weber), die Robenmutterballaden( Alexandra Karlon), die Steindenkmäler von Heiligen und kirchlichen Persönlich-keiten sowie deren ungarische Beziehungen( Maria Lantos). Die Arbeit von ZoltanTafner bietet eine neue Perspektive zur Untersuchung von Assimilationstendenzender ungarndeutschen Volksgruppen( Identität und Sprachgebrauch der deutschenNationalität in St. Andrä- Szentendre).

Béla Gunda

Cătălina Velculescu, Între scriere şi oralitate. Bucureşti, Editura Minerva,1988, 228 Seiten.

Man könnte den Titel etwas frei übersetzen mit Zwischen schriftlicher und münd-licher Überlieferung". Das Buch wurde erst zu Beginn dieses Jahres ausgeliefert,wenn es auch bereits wesentlich früher gedruckt worden ist.

Die Autorin, vor allem durch Studien über das rumänische Volksbuch ausgewie-sen, untersucht darin den wenig erforschten Zwischenbereich, den das Themaandeutet.

Der erste Abschnitt gilt der historiographischen Seite in ihren verzweigten und oftrecht komplizierten Seitentrieben. Dazu gehören etwa Legenden, die in Fresken

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