monographien von Asadowskij bis Pentikäinen- ein unschätzbarer Vorteil bei nichtmehr lebenden Gewährsleuten, die heute nicht mehr zu ihrem Material befragt wer-den können. Positiv hinzu kommt noch der viel höhere Bekanntheitsgrad ihrer Vor-lagen, der für traditionelle Erzähler selten exakt ermittelbar ist. Eine Erzählermono-graphie über die Gebrüder Grimm unter dem Aspekt ihrer Wertung als herkömmli-che, den Stoff schöpferisch umwandelnde Volkserzähler könnte viel von den z. T.verkrampften Beurteilungen ihrer sog. Bearbeitungen durch neue Perspektivenlockern und vorhandene Forschungsergebnisse zusammenfassen.
Rainer Wehse
Peter Wolfersdorf( Hrsg.), Westfälische Sagen. Kassel, Erich Röth Verlag,1987, 240 Seiten.
Worin dieser Band sich angenehm von vielen Sagen- Erscheinungen des letztenJahrzehnts unterscheidet, ist seine Nähe zur Gegenwart. Hier wird nicht älteresMaterial ausgewählt oder überarbeitet, sondern es werden Texte vorgelegt, die nochbis vor kurzem im Umlauf gewesen sind. Um es zu präzisieren: von 258 abgedrucktenSagen wurden 234 zwischen 1966 und 1986 erzählt. Mit den Worten des Herausge-bers:„,...sie lassen erkennen, welche Vorstellungen und Gestalten des Volksglau-bens im Sagenraum noch heute lebendig sind." Und er fährt fort:„ Diese Volkssagenvon heute tauchen den Leser in das eigentümliche Zwielicht von natürlich Begreifba-rem und übersinnlichen Mächten, dem er sich nicht entziehen kann.“( S. 5)
Die in diesem Band vereinigten Landschaften mit den Kreisen Lippe, Minden-Lübbecke, Herford, Bielefeld, Gütersloh, Paderborn und Höxter sind kulturhisto-risch und volkskundlich höchst unterschiedlich. Wolfersdorf weist etwa auf den kon-fessionellen Unterschied hin: im Westen und auch im Paderbornschen leben Men-schen katholischen Bekenntnisses, ansonsten Gläubige teils lutheranischer, teils cal-vinistischer Konfession.
Er geht auch der Frage der„ Wirklichkeit“ nach sowie dem Problem, was dieErzähler von ihren Sagen selbst glaubten. Insgesamt wahrt Wolfersdorf Zurückhal-tung und kritischen Geist in seinen Beobachtungen und Stellungnahmen und scheintnicht- wie ehedem Peuckert- von den Texten selbst fasziniert zu sein.
Zu jedem seiner 14 Kapitel vermittelt der Herausgeber in einer Einführung denZugang zum Wesen und Gehalt. Daß dabei der Akzent auf den landschaftlichenVorstellungen liegt, wird man verstehen, wenn auch gelegentlich ein Verweis aufParallelen oder Gegensätze zu anderen Landstrichen nützlich gewesen wäre. Das giltetwa für die 22 Werwolf- Sagen, die im Westfälischen noch erstaunlich lebendig sind.Die Wasserscheu mancher Werwölfe hat eine sehr lange Tradition, wobei es schwer-fällt, zu entscheiden, ob diese in den Bereich vorchristlichen Wasserzaubers führtoder wie in Südfrankreich- mit der Taufe zusammenhängt. So entzaubert ja inmanchen Ländern auch geweihtes Salz einen Werwolf.
-
Die Texte sind nahezu alle sehr lebendig und spontan erzählt. Ihre Frische hatauch nicht durch eine sehr kundige Übertragung aus der Mundart in die Schriftspra-che gelitten.
Im Anhang nach den Texten wird noch über„ Das Material" berichtet sowieSammler und Erzähler vorgestellt; ein sehr wichtiger Beitrag zur Forschung. Schließ-
263