Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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Seitdem hat Cirese seine Analysen weiterentwickelt und auch graphische Darstel-lungsformen gefunden, um die Architektur der italienischen- und der manchmalkomplizierteren sardischen- Volkslieder offenzulegen.

Das nun vorliegende umfangreiche Werk zeigt den Weg der Hypothesen vonCirese, und die Aspekte, die sich aus seiner Sicht ergeben, werden in einer sachlich-nüchternen und jedem Romantizismus fremden Arbeitsweise dargelegt.

Der 1. Teil gibt sich den Titel: Il discorso metrico e il parallelismo". Hier wirdunter anderem ein Überblick über die wissenschaftliche Beschäftigung mit denErscheinungsformen des italienischen Volksliedes geboten. Dabei geht Cirese biszum 15. Jahrhundert zurück und berücksichtigt die oft sehr starken Kontraste derVolkslyrik in den verschiedenen Landschaften.

Der 2. Teil lautet:, L'arte del trobear", doch darf man dabei nicht an Forschungenzu trobadoresken Problemen denken, sondern es geht im wesentlichen um die Bau-formen der sardischen mutos und mutettus in einer Überarbeitung seines alten( undoben angezeigten) Buches.

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Im 3. Teil- ,, Metrica e calcolatori beschäftigt sich Cirese mit den ,, Inventari erepertori lessicali, formulari e metrici dei canti popolari italiani", das heißt also vorallem mit Fragen der Aufzeichnung und der Einordnung der so zahlreichen Materia-lien.

Im 4. Teil- Processi e prodotti werden dann verschiedene Einzelfragen auf-gegriffen, wie das Problem der Bearbeitung und der oft damit verbundenen Defor-mierung.

Daẞ Cirese seinen Stoff beherrscht, daß er alle einschlägigen Quellen und For-schungsansichten kennt, ist selbstverständlich. Seine graphischen Zeichnungen undSchemata geben ein einleuchtendes Bild. Ob damit zugleich das Letzte über dasbetreffende Lied ausgesagt ist, ist eine andere- vielleicht unsachliche Frage. DerSchreiber dieser Zeilen darf sich nicht kompetent genug betrachten, dazu ein kriti-sches Wort zu sagen.

Es muß jedoch eine Frage gestellt werden: Kann man Volkslied nur vom Text heranalysieren? Wie weit reicht die Gültigkeit einer solchen Analyse? Es gehört ja- imGegensatz zum mitteleuropäischen Volkslied- zu den mediterranen Eigenarten,daß es zu einem Teil oft mehrere Melodien( in Spanien zu einem Text oft bis zu zwan-zig verschiedene Weisen, auch mit unterschiedlichem Rhythmus) gibt. Der gesun-gene Text gliedert sich manchmal abweichend vom gesprochenen. Dabei mag dieTextstruktur durchaus so sein, wie sie Cirese aufgliedert, aber der Sänger zersingtmanchmal diese Form, sei es durch Wiederholungen, sei es durch eingeschobeneVokalisen.

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Und leider haben manche SammlerLeopold Wagner- beim Notieren der Texte korrigierend eingegriffen.

selbst so bedeutende Spezialisten wie Max

Davon abgesehen bleibt das Buch von Cirese eine Summa der Volkslied- Erfor-schung. Ein Blick in den 20 Seiten umfassenden Index zeigt, was darin alles verwen-det worden ist.

Felix Karlinger

Heinz Rölleke( Hrsg.), Unbekannte Märchen von Jakob und WilhelmGrimm. Synopse von Einzeldrucken Grimmscher Märchen und deren endgültigeFassung in den KHM. Köln, Eugen Diederichs Verlag, 1987, 159 Seiten.

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