Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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Mit der Schaffung des Jesuitenordens entstand aber ein mächtiges Instrument, dasdurch die eigene Disziplinierung die Disziplinierung der Bevölkerung vorantrieb.Durch die Gründung von Schulen, durch die Aufführung von Theaterstücken, Pre-digten und vor allem durch die Durchsetzung der Ohrenbeichte gelang es den Jesui-ten, zur heutigen modernen Gesellschaftsordnung mit ihren individuellen Entschei-dungs- und Wahlmöglichkeiten, aber auch mit ihrem Zwang zur Affektkontrolle bei-zutragen. Voraussetzung dafür war eine Vereinheitlichung der kirchlichen Lehredurch den Kampf gegen die heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnischen Auswüchse der Volksfrömmigkeit.

Der dialektischen Beziehung von Aufklärung und Barock gilt der Beitrag von Ger-hard Kapner. Zwischen Bildstöcken und andachtsvollen Bildern, Volkstheater undAufklärungsbildern oszilliert das Bild dieser Zeit. Innenweltliche Askese verbindetsich mit der Verehrung der Fürbitter. Tridentinum und Volksfrömmigkeit findensich im Vertrauen auf das Dasein und die Daseinsmächte. Gott war nicht der Deusabsconditus der Protestanten, sondern stand in einem personalen Bezug zum ein-zelnen.

Daß allerdings auch die Protestanten auf Dauer diesen persönlichen Bezug zurGottheit nicht entbehren konnten, zeigt der letzte Beitrag dieses Buches, der denPietismus zum Thema hat.

Der Pietismus kreierte eine eigene religiöse Subkultur mit rigider Moral und schar-fer Abgrenzung zur, Welt. Der Pietist war in der Regel Kleinbauer oder Kleinhand-werker, der sich als Freizeitluxus geistige Kopfarbeit leistete. Diese Besonderheitkonstituiert Pietismus als Volksfrömmigkeit, die gerade im 17. und 18. Jahrhunderteine beachtliche Verbreitung fand.

Hier endet der Weg durch die drei Jahrtausende vom Ägypten des Neuen Reichesbis zu den Dörfern der pietistischen Handwerker. In Schlaglichtern wurde die mitdem Alltagsleben immer innig verbundene Volksfrömmigkeit beleuchtet. Natürlichkann das Buch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, aber ich glaube, daẞes den Autoren durchaus gelungen ist, uns ein Stück eher unbekannter Alltagskulturnahezubringen, und daß man schon gespannt auf das Erscheinen des zweiten Bandessein darf.

Thomas Stompe

Alberto M. Cirese, Ragioni metriche. Versificazione e tradizioni orali. Palermo,Sellerio editore, 1988, 521 Seiten.

Die ersten Publikationen von Cirese liegen nun fast vierzig Jahre zurück. DerAutor ehemals Ordinarius für Volkskunde in Cagliari, nunmehr Lehrstuhlinhaberfür Kulturanthropologie in Rom-hat von Anfang an ein besonderes Interesse ander Volkslyrik und Volksepik gehabt, und in einer großen Zahl von Annalen hat erden vielleicht größten Beitrag zu diesem Fragenkomplex in Italien erarbeitet. Lapoesia popolare"( 1959), Poesia sarda e poesia popolare nella storia degli studi"( 1961) und Struttura e origine morfologica dei mutus e dei mutettus sardi"( 1964)waren die wichtigsten Vorstufen, auf denen Cirese sein Arbeitssystem auf- und aus-gebaut hat. Wir haben seinerzeit dazu Stellung zu nehmen versucht.

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