Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
258
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Insgesamt ist dieses Buch, besonders durch die vielen Einschübe von Originaltext-stellen, gut lesbar und lebendig. Abschließend bleibt daher die Neugierde auf Origi-nalschriften und-bücher, nicht nur von Ida Pfeiffer, sondern auch anderen weibli-chen Reisenden ihrer Zeit, die man sich in ähnlicher Weise bearbeitet wünscht.

Elisabeth Bockhorn

Hubert Ch. Ehalt( Hrsg.), Volksfrömmigkeit. Von der Antike bis zum 18. Jahr-hundert(= Kulturstudien Bd. 10). Wien- Köln- Graz, Böhlau 1989, 266 Seiten.Ein Wandel im Selbstverständnis der Geschichts- und Kulturwissenschaften istkennzeichnend für die geistige Landschaft der letzten drei Jahrzehnte. War im 19.und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die bedeutende Persönlichkeit, dasbedeutende Ereignis im Zentrum der Sicht auf die Vergangenheit, so verlagerte sichnach dem Zweiten Weltkrieg das Interesse mehr auf die Alltagsgeschichte deranonymen Masse.

Im französischen Sprachraum stehen hierfür Namen wie Foucault oder die mit derZeitschrift ,, Les annales" verbundenen Historiker Braudel, Duby oder Le Goff; inDeutschland Max Weber und besonders Norbert Elias mit seiner Zivilisations-theorie.

In dieser Tradition steht der nun vorliegende erste Teil der in zwei Bänden konzi-pierten Arbeit über die Geschichte der Volksfrömmigkeit, erschienen im Böhlau-Verlag. Eine grundlegende Schwierigkeit in der Behandlung dieses Themas liegtdarin, eine einheitliche Definition von Volksfrömmigkeit zu finden, da sowohlBegriff als auch Sache während des hier behandelten Zeitraums von 3000 Jahren viel-fältigem Bedeutungswandel unterlagen.

Volksfrömmigkeit manifestiert sich als Alltagsgeschehen vor dem Hintergrundder offiziellen Theologie. Von den historischen Umständen abhängig, ist sie entwe-der Widerstand der breiten Masse der Gläubigen gegen die Religion der Herrschen-den oder eine geduldete und geförderte Ergänzung zur von der Kirche verordnetenPraxis.

Volksfrömmigkeit ist ein Interpretationsmuster, das die sozioökonomischenMachtverhältnisse transzendiert und dem einzelnen seine Identität in einer für ihnkommensurablen Form des Glaubens gibt. Sie ist eine persönliche Frömmigkeit,die es erlaubt, unter Umgehung kirchlicher Hierarchien direkte Wünsche an dieGottheit heranzutragen und die damit immer ein mystisches Element in sich birgt.Erste Zeugnisse dieser Art finden sich im Ägypten des Neuen Reiches. In aufPapyrus geschriebenen Briefen erflehen Menschen auf sehr persönliche Weise dieHilfe der Götter für ihre Alltagsprobleme. Diese Briefe zeugen von der Fähigkeit,Gefühlen schriftlichen Ausdruck zu verleihen, sind aber gleichzeitig ein Hinweis aufdie Lockerung traditioneller Bindungen. Normen werden in Frage gestellt, was zuerhöhter Lebensangst führen muß. Zur Abwehr dieser Ängste wird ein persönlichesVerhältnis zur Gottheit gesucht.

Die persönliche Frömmigkeit ist somit sowohl Zeichen der Krisis der ägypti-schen Geisteswelt als auch Symbol für den Prozeß der Individualisierung, der in derersten Moderne" der Weltgeschichte zur Wende des ersten Jahrtausends vorChristus stattgefunden hat.

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