Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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gerade deswegen auch. Wenn C. Lipp Forschungsstand und Diskurs zum Geschlechtals kulturelles Deutungsmuster amerikanischer und englischer Anthropologinnenmit den Ansätzen der deutschen Frauenforschung vergleicht und dabei bedauert,daẞ letztere wohl weniger in Beziehungsstrukturen denken und den Horizont weni-ger weit spannen, die Wende zu einer breit angelegten Geschlechterforschung hier-zulande auch noch nicht vollzogen sei, dann bin ich davon überzeugt, daß dieserBand zur Frauen- und Geschlechterforschung einen entscheidenden Schritt dahindarstellt.( Das Interesse, auf das er stoßen sollte, möge jedenfalls nicht durch denstrapaziösen Druck beeinträchtigt werden.)

Elisabeth Katschnig- Fasch

Hiltgund Jehle, Ida Pfeiffer, Weltreisende im 19. Jahrhundert. Zur Kul-turgeschichte reisender Frauen. Münster- New York, Waxmann Verlag, 1989,311 Seiten, Abb.

Die Autorin setzt sich in dieser Arbeit, einer Freiburger Dissertation, in zwölfKapiteln mit der Person Ida Pfeiffers als Reisender auseinander. Pfeiffer, deren Rei-seschilderungen zu ihrer Zeit gerne gelesen wurden und die man- oft gegen ihreeigenen Wünsche auch zu gesellschaftlichen Einladungen bat, war eine- wie jaall ihre Reiseunternehmungen beweisen- außergewöhnliche Frau. Sie wurde imOktober 1797 als drittes Kind eines wohlhabenden Kaufmannes und seiner Ehefraubeide Kärntner Herkunft- in Wien geboren. Ihre Ehe mit dem verwitweten und24 Jahre älteren Advokaten Dr. Mark Anton Pfeiffer, dem sie zwei Söhne schenkte,war nicht glücklich, was sicherlich eines der Motive für ihre rege Reisetätigkeit dar-stellte. Diese Reisen führten sie sowohl ins Heilige Land als auch in den skandinavi-schen Raum, aber auch zweimal um die Welt. Ihre letzte Reise war jene nach Mada-gaskar. Während dieser erkrankte sie schwer und verließ daraufhin am 10. März 1858Mauritius bereits von Fieberanfällen geschwächt. Im Haus ihres Bruders starb siedann nach kurzem Spitalsaufenthalt in Hamburg- in der Nacht vom 27. auf den28. Oktober 1858 in Wien. Publiziert wurden von ihr fünf mehrbändige Bücher,übersetzt wurden ihre Werke in sieben Sprachen.

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Jehle beschreibt und analysiert in ihrer Arbeit- anhand von Originalzitatennicht nur die einzelnen Reiseunternehmungen jener Frau, sondern beschäftigt sichgezielt mit Reisevorbereitungen, Finanzierung und Reisekosten, Fortbewegungs-mitteln, verschiedenen Unterkunftarten, Reiseproviant und hygienischen Bedin-gungen, aber auch mit dem Aspekt der alleinreisenden Frau zu dieser Zeit- umnur einiges zu erwähnen.

In diesem Buch wird somit das Bild einer Frau gezeichnet, die dem damaligenpatriarchalisch strukturierten Gesellschaftsbild nicht entsprach, die von Neugierdegetrieben das ,, Exotische Glossar ::: zum Glossareintrag  Exotische, Fremdartige, eben das, Seltsame"" suchte( S. 199), die ihrLeben selbst gestalten und bestimmen wollte und die- obwohl dies von ihr gar nichtbeabsichtigt war- für ihre Geschlechtsgenossinnen Leitbild und Identifikations-möglichkeit bot- was ihr denn auch z. T. dementsprechende Beinamen und Kom-mentare sowie Karikaturen eintrug( kleines Hexenwunder des Mittelalters",,, weiblicher Soldat...).

Die Reisemotive dieser Frau waren vielfältig: so z. B. die Erfüllung eines Jugend-traumes ebenso wie religiöse Gründe( Reise ins Heilige Land"), aber auch

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