angesehenen Titeln des„ Beamtenadels" wie Hofrat, in dem monarchistische Tradi-tion fortlebt, sind gerade in unserer Zeit die akademischen Grade und Titel mit eini-gem Prestige verbunden. Subtil beobachtend entlarvt Girtler hier das in Akademi-kerkreisen häufig geübte, bewußte Weglassen des Titels oder Durchstreichen dessel-ben auf der Visitenkarte als strategische Bescheidenheit, die letztlich doch der Her-vorhebung der jeweiligen Person dient. Bescheidenheit ist für Girtler überhaupt einehäufig angewandte Strategie der Vornehmheit. Weitere von Girtler differenziertabgehandelte Lebensbereiche, in denen das Streben nach Vornehmheit sichtbarwird, sind großzügige Feste, Kleidung, noble Heirat und Erziehung, nobler Sportund vornehmer Club, aber auch das vornehme Begräbnis. Immer wieder beginnt ermit der Aristokratie- zu diesem Milieu hat Girtler speziell für diese Untersuchungden Zugang gesucht und gefunden- und versucht dann die dort vorgelebten Strate-gien der Vornehmheit in anderen Lebenswelten aufzuspüren. Dabei nimmt er seineBeispiele vorwiegend aus den von ihm in früheren Studien untersuchten Subkultu-ren, der Welt der Sandler, Ganoven, Zuhälter und Prostituierten. Gerne hätte manhier eine etwas breitere Berücksichtigung des„ Normalbürgers", bei dem der Hangzum feinen Leben ja ebenso stark vorhanden ist, gesehen.
Roland Girtler verwendet häufig Anekdoten, bedient sich wie auch in anderen sei-ner Bücher einer allgemein verständlichen Sprache und möchte sich damit bewußtnicht nur an einen engen Kreis von Fachleuten, sondern an eine breite Leserschaftwenden. Der Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit scheint dem Rezensentendeshalb aber nicht angebracht. Girtler geht es immer um das„ ,, Wesen des Men-schen", um gewisse Grundstrukturen, die sich in verschiedenen Kulturen gleichenbzw. konstant sind, um das Erkennen des Typischen im menschlichen Verhalten.Dies ist ihm mit dem vorliegenden Buch in überzeugender Weise gelungen. Die viel-leicht manchem etwas zu locker wirkende Form, in der Girtler seine Forschungser-gebnisse präsentiert, ist, wie ich glaube, sehr bewußt gewählt und als Vorzug seinerArbeit zu werten, ein Vorzug, der vielen anderen wissenschaftlichen Publikationengerade aus dem Bereich der Soziologie nicht anhaftet.
Ingo Schneider
Frauenalltag. Beiträge zur 2. Tagung der Kommission Frauenforschung in derDeutschen Gesellschaft für Volkskunde, Freiburg, 22.- 25. Mai 1986. Hrsg. v. d.Arbeitsgruppe volkskundliche Frauenforschung Freiburg. Frankfurt BernNew York, Peter Lang, 1988, 353 Seiten.
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Die in der Einleitung von Gisela Lixfeld geäußerte Absicht, mit der Veröffentli-chung der Tagung„ Zwischen den Zeilen und hinter den Objekten papiereneQuellen und Sachkultur in der volkskundlichen Frauenforschung" der Frauenfor-schungskommission den Zugang zur volkskundlichen Öffentlichkeit erleichtern zuwollen, diese Absicht, das sei vorweggenommen, wird zweifellos aufgehen. DiesesBuch wird neue Perspektiven setzen, nicht nur dem wissenschaftlichen Interesse derFrauen im Fach, es wird darüber hinaus dem Gesamtfach neue Impulse vermitteln.Trotz meiner Überzeugung, dies als Wunsch dem Buch und seinen Autorinnen!
Der erste der insgesamt sieben Abschnitte transportiert in einer kurzen Übersichtdas an der ersten Tagung in Tübingen 1984 erarbeitete Methoden- Terrain und bringtmit Carola Lipps Beitrag eine fundierte und interessante weiterführende Methoden-diskussion zur Erforschung des kulturellen Dispositivs der Geschlechter-
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