Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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zum Teil verboten waren. Mit dem Einladungshammer( aus Holz oder Eisen) klopfteder Beauftragte der Braut und des Bräutigams an das Tor der Eingeladenen, umanzudeuten, daß die Hausbewohner zur Hochzeit willkommen sind. Diese Schlagge-räte stellten ursprünglich einen Baum oder einen sonstigen Gegenstand dar, oft stehtdarauf das Monogramm des Eigentümers. In einer beachtenswerten Abhandlungerörtert S. Erixon die Inschriften der Trinkgefäße; manche dieser Texte erinnern andie Verse von Walther von der Vogelweide und spätere deutsche Texte. Natürlichgibt es auch zahlreiche schwedische, norwegische und dänische Originaltexte. Desweiteren befaßt sich S. Erixon mit der volkstümlichen Nachrichtenübermittlung( akustische und Rauchsignale usw.), mit Haushalts- und Wirtschaftsbüchern ausdem 15.- 18. Jh. sowie mit den Quellen landwirtschaftlicher Kenntnisse. SolcheBücher übten im Kreise der Bauernschaft einen stärkeren Einfluß aus als frühergedacht. Selbstverständlich bearbeitete S. Erixon sämtliche Themen vor einem euro-päischen Hintergrund.

Jahrzehnte hindurch schaukelte S. Erixon die Wiege der europäischen Volks-kunde/ Ethnologie zwischen den Mauern des Nordischen Museums. Diese Wiegescheint dortselbst auch heute nicht zu ruhen, bewegt durch die Gedanken, die wirneben S. Erixon auch Gösta Berg, Sigfrid Svensson, John Granlund, C.-H. Tillha-gen, Albert Eskeröd und anderen verdanken.

Zum Schluß sei noch hinzugefügt, daß sich selbst kleine Themen" der Volks-kunde, so auch des vorliegenden Buches, in wahre Riesen verwandeln, wenn sievom kreativen Geist eines analytischen Denkers bearbeitet werden.

Béla Gunda

Roland Girtler, Die feinen Leute. Von der vornehmen Art durchs Leben zugehen. Linz, Veritas; Frankfurt a. Main, Campus, 1989, 447 Seiten.

In Roland Girtlers neuestem Buch geht es nicht wie in seinen bisherigen Studien( vgl. z. B. Vagabunden der Großstadt, 1980; Der Strich, 1985; Wilderer, 1988) umein genau abgegrenztes Milieu, nicht um die Annäherung an eine spezifische Lebens-welt oder einen ganz bestimmten Personenkreis zumeist am Rande der Gesellschaft.Das Erkenntnisinteresse ist diesmal ein übergreifendes, gilt einer allgemein mensch-lichen, man könnte auch sagen zutiefst menschlichen Attitüde: dem Streben nachVornehmheit, den Strategien und Symbolen, mit Hilfe derer der Mensch versucht,sich von anderen abzusetzen. Am stärksten ausgebildet ist dieses Streben sicherlichin der Aristokratie bzw. allgemein in der Oberschicht. Und ein Großteil des Bucheshandelt folgerichtig auch von den oberen Zehntausend. In seiner grundsätzlichenTendenz ist der Hang zur Vornehmheit aber nicht schichtspezifisch, sondern- diesist gleich schon eine zentrale Aussage Girtlers- in allen Gliedern einer Gesellschaft,wenn auch in unterschiedlichem Maße vorhanden. So wird denn auch jeder nur eini-germaßen selbstkritische Leser in einzelnen Passagen des Buches eigenes Verhaltenwiederfinden.

Zugleich vorder- und tiefgründig ist die Grundthese der Studie. R. Girtlerbezeichnet den Menschen als ein Wesen, das nach Ehre, Gunst und Beifall, somitnach Vornehmheit strebt, als ein animal ambitiosum"( ambitiosus heißt unteranderem gunstbuhlerisch, nach Gunst heischend, gefallsüchtig, ehrsüchtig), und erstellt sogar die These auf ,,, daß das gesamt menschliche kulturelle Handeln vorrangigdurch den Drang nach Vornehmheit, nach Beifall bestimmt sei( S. 11). Dieser

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