Wolfgang Brückner zum 60. Geburtstag am 14. März 1990
Laudatio, gehalten anläßlich der Feier am 4. Mai 1990
Bis heute spiegelt die Festkultur den Abglanz barocken Lebensgefühls, und zu ihrgehört eine meist nicht endenwollende Flut von Reden, die ihren Sinn u. a. aus derSteigerung von Ungeduld und Appetit auf den anschließend gereichten Imbiẞ bezie-hen. Unter solchen Ansprachen darf natürlich die„ Laudatio“, die Lobrede, nichtfehlen. Im 17. und 18. Jahrhundert nannte man sie„ amplificatio“: der zu Lobendesollte„ groß gemacht" werden. Damit Reden aber auch eine Wirkung hinterlassen,müssen sie strengen rhetorischen Regeln folgen. Besinnen wir uns auf die barockeRedekunst: daß jemand amplifiziert wird, setzt stillschweigend voraus, daß er kleinund unbedeutend sei. Folgt man dieser Dialektik, gelangt man zu der Erkenntnis,daß das Lob einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit deren Lobwürdigkeitnur selten etwas gemein habe.
Für den Aufbau einer Lobrede fordern die Rhetoriker des 17. und 18. Jahrhun-derts, mit dem im Namen sichtbaren Lob zu beginnen. Hier führt die Topik naturge-mäß zum exemplarischen Vorbild, dem hl. Wolfgang von Regensburg. Es gelangmir, das Leben Wolfgang Brückners wörtlich aus der von Albert Werfer, FranzXaver Steck und Ph. B. Lander bearbeiteten, in zweiter Auflage 1858 in Ulm undRom erschienenen„ Großen illustrierten Heiligen- Legende auf alle Tage des Jahres“zu rekonstruieren, die Wolfgang„ zu den leuchtendsten Rüstzeugen, die der Herrzur Verherrlichung seines Namens ausgewählt“ hat, zählt.„ Da sich schon frühzeitigdie trefflichsten Gaben des Geistes und Herzens bei ihm entwickelten", wurde er indie Schule geschickt, wo„, der neue Zögling den Grund zu seinen gediegenen Kennt-nissen legt ,,, die ihn später zu der Würde erhoben, an welche der bescheidene unddemüthige Sinn dieses(...) Mannes" noch„ nicht im entferntesten dachte". NachAbschluß seiner Studien ,, widmete sich Wolfgang mit vollem Herzen dem mühevol-len, wenn auch gering geachteten Berufe eines Jugendlehrers. Wie unendlich wohlthat ihm die Anhänglichkeit und Liebe seiner jungen Zöglinge, in deren zarte Her-zen er den Samen(...) der Wissenschaft mit väterlicher Liebe zu streuen ver-suchte“. Er war ein Mann,„ der nur in der Rettung und Ausbildung dieser zartenKinderherzen seinen größten Lohn fand(...). Nach seinem Amtsantritte war seineerste Sorge, strenge Ordnung(...) zu handhaben und Mißbräuche zu entfernen",und- Wolfgang von Regensburg möge mir hier die eigenmächtige chronologischeUmstellung seiner Vita nachsehen- in ,, Würzburg(...) angekommen“ wurde er,, aufs freundlichste(...) aufgenommen“, und man war über seine„ gediegenenKenntnisse(...) erfreut“.
Nach dem Lob des Namens und der Präfiguration des Lebenslaufes in der Sphäredes Heiligen erfordert das rhetorische Konzept der amplificatio nun, die„, Anatomieder Tugend“ vorzunehmen, die„ partium enumeratio“,„ partium distributio“, ,,, par-tium divisio" oder mit einfacheren Worten:„, alles über eine Person zu erzählen“. Dadies nicht möglich und wohl auch nicht erwünscht ist, halte ich es mit dem jesuitì-schen Rhetoriker Cypriano Soarez, der die amplificatio in seinen„ Artis RhetoricaeLibri Tres"( u. a. Wien 1740) im Anschluß an das Kapitel über die Affektenlehrebehandelt und auf ihren„ Sitz im Leben“ verweist:„ Maxima vis existit Oratoris inhominum mentis permovendis: quod amplificatio fit“: es ist insbesondere dem Red-ner die Gabe verliehen, die Gefühle der Menschen zu bewegen, und dies geschiehtdurch die Lobrede.
226