Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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Die Stadt

als volkskundliches Forschungsfeld*

Von Ruth- E. Mohrmann

Daß im Herbst 1983 der 24. Deutsche Volkskunde- Kongreẞunter dem Thema Großstadt. Aspekte empirischer Kulturraum-forschung" stand¹, könnte auf ein gesteigertes Interesse des FachesVolkskunde am Phänomen Stadt schließen lassen. Daß dies nurbedingt zutraf, machte u. a. kurz darauf der Schweizer Arnold Nie-derer deutlich. Mit direktem Bezug auf den Berliner Kongreß ver-wies er darauf, daß die deutschen Volkskundler sich mit der Stadt-volkskunde allgemein schwergetan hätten. Denn so groß ihr Inter-esse an den Erscheinungen des ländlichen Lebenskreises sei, sobescheiden sei die Zahl der Untersuchungen zur Stadt. Zwar werdeimmer wieder gefordert, auch die Stadt zum Forschungsprojekt zumachen, doch wenn schon die Stadt als Forschungsfeld diene, soginge es meist um Erscheinungen, die nicht stadttypisch seien, wieetwa Vereine, Stadtteilkulturen( als Dorf in der Stadt"), Folkloreder Großstadt usw. Stadtvolkskunde aber könne sich nicht einfachmit dem Weiterleben und der Weiterentwicklung traditionellerKulturelemente in der Stadt befassen².

In der Tat ist dies eine Kritik, die auf die Beschäftigung mit demPhänomen Stadt, wie sie brennpunktartig der Berliner Kongreẞbeleuchtete, in vielem zutrifft und auch in ähnlicher Weise dort lautgeworden war. So hatte selbst Hermann Bausinger in seiner einlei-tenden Rechtfertigung des Kongreẞthemas deutlich auf eher stadt-untypische Aspekte verwiesen. Seine Argumente für die Stadt bzw.die Großstadt als Forschungsfeld und Gegenstand der Volkskundestellte er unter das Motto Kein Dorf. Aber und führte hier-

bei eben dörfliche Elemente bzw. Elemente der vorindustriellen

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