Festlegung weitgehend entzieht. Die Sage existiert in einem verhältnismäßig festenKern, das Märchen entsteht unterm Erzählen und verflüchtigt sich dann wieder.Sage kann ohne wesentliche Veränderung nacherzählt werden, das Märchen entwik-kelt sich unter anderen Bedingungen des Ortes, der Zeit und des Publikums völligverschieden.
Sehr lehrreich ist besonders die„ Zusammenfassung“, die der Autor auf S. 157/158zum ,, Modell einer traditionspsychologisch orientierten Systematik“ bietet. ,, JedeKategorisierung ist bereits Interpretation
Ebenso wichtig ist das Unterkapitel„ Zur Funktion der Sage“( S. 170-173), zumalPetzoldt die sechs von Schier genannten„ Grundbedürfnisse“ klug erweitert und weiler den Fehlschluß von Ernst Bloch zurechtrückt.
Es bleiben noch einzelne Formulierungen, deren Gültigkeit vielleicht auf den ger-manischen Raum einzuschränken wäre. Das gilt etwa für den Satz:„, die Dämo-nenwelt der Sage ist anthropomorph....“( S. 166). Auch wird immer umstrittenbleiben, wieweit es Praecognition gibt und ob Erzählungen aus diesem Bereich derSage zuzurechnen sind.
Zweifellos ist aber das vorliegende Werk der entscheidendste Beitrag zur Sagen-forschung seit W.-E. Peuckerts„ Sage. Geburt und Antwort der mythischen Welt“( Berlin 1965).
Felix Karlinger
Peter Keckeis( Hrsg.), Sagen der Schweiz. Schaffhausen- Thurgau- Zürich,exlibris, 1988.
Unter dem Gesamttitel„ Sagen der Schweiz" erschien im exlibris Verlag, Zürich,eine von Peter Keckeis herausgegebene vierzehnbändige Sammlung der deutsch-sprachigen Sagen der Schweiz. Die Bände entsprechen aus editionstechnischenGründen nicht im einzelnen der Zahl der Kantone, doch umfassen sie insgesamt alleSagenregionen der deutschsprachigen Schweiz( Zürich, Schwyz, Bern, Glarus/ Zug,Aargau, Unterwalden, St. Gallen/ Appenzell, Schaffhausen/ Thurgau, Solothurn,Luzern, Uri, Wallis, Basel).
Der Herausgeber stützt sich vorwiegend auf das in gedruckten Sammlungenbereits publizierte Sagengut, versucht aber, wo immer möglich, ältere Quellen undhandschriftliche Aufzeichnungen heranzuziehen. Er scheut aber auch nicht davorzurück, mehrere Quellen zu einer Sagennummer zu kompilieren und Texte stilistischzu überarbeiten. Im Hinblick auf ein breites Publikum, das aus heimatlichem undregionalhistorischem Interesse als Käufer anvisiert wird, ist dies sicher gerechtfer-
tigt.
Die Bände sind sorgfältig gestaltet und mit manchen, bisher unbekannten Illustra-tionen versehen, was vor allem der Zusammenarbeit des Herausgebers mit der Zen-tralbibliothek Zürich zu verdanken ist. Die Bände sind jeweils mit dem Vorworteines lokalen Heimatkundlers oder Sagenforschers versehen und enthalten ein Orts-register. Es wäre sicher lohnend, ein solches Unternehmen auch für Österreich inAngriff zu nehmen.
Leander Petzoldt
104