Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
103
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Leander Petzoldt, Dämonenfurcht und Gottvertrauen. Zur Geschichteund Erforschung unserer Volkssagen. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesell-schaft, 1989, XI, 208 Seiten.

Es ist zweifellos nicht auf Veranlassung des Autors geschehen, daß man den altenTitel Einführung in die Sagenforschung" gegen den obigen viel schwächerenTitel ausgetauscht hat. Das Buch ist in der Tat eine Einführung, und zwar eine ausge-zeichnete vom Zuschnitt eines Lehrbuchs. In sehr dicht gedrängter Form enthält eseigentlich alles, was man wissen muß, wenn man sich mit der Volkssage beschäftigenwill. Nicht nur die Vorgeschichte der Sagenforschung und die Probleme der Gat-tungstypologie, sondern auch die Anthropologie und die Morphologie der Sagekommen zur Sprache; weiters wird in breitem Umfang in die Motivik der Sage undihrer Kategorien eingeführt, und endlich erfährt man Grundlegendes zur Interpreta-tion. Eine reichhaltige Bibliographie, eine Erklärung der Fachtermini und ein Regi-ster schließen den Band ab.

Daß im Buch eines Fachmannes vom Range Petzoldts immer wieder ausgefeilteLeitsätze anklingen und daß wohlerwogene Urteile und Definitionen geboten wer-den müßten, war zu erwarten und kann hier nicht im Detail zitiert werden. Aus-schnitte daraus dürfen nur als pars pro toto gelten. So erscheint dem Rezensentenbesonders wichtig, was Petzoldt zum Abschnitt B) Probleme der Gattungstypolo-gie. Zur Definition der Sage" herausgestellt hat, denn hier wird auf nur 18 Seitendennoch umfassend alles gesagt, was einen Begriff vom Komplex, Sage" vermittelnkann. Der Zusammenstoß des Numinosen und Profanen wird in der S. in beklem-mender Eindringlichkeit geschildert.( S. 38.)- Die Sage gibt scheinbar einmalige,individuelle Begegnungen und Erlebnisse wieder, die vor dem Hintergrund kollekti-ver Glaubensvorstellungen und Erfahrungen interpretiert werden; auf diese Weisewerden sie selbst Bestandteil der gemeinschaftlichen Erfahrung."( Gleiche Seite.)Schwieriger scheint mir der Sachverhalt bei folgender These zu liegen: Man istzwar geneigt, der Sage einen höheren Realitätsgehalt zuzumessen als dem Märchen,hält sie aber nichtsdestoweniger für eine erzählerische Form, die der Vergangenheitangehört und die in unserer technischen Kultur nicht mehr neu geprägt werdenkann."( Ebenfalls S. 38.) Petzoldt führt selbst in seinem 3. Kapitel des Abschnitts E( ,, Zur Motivik der Sage") die wichtige Gruppe Moderne Sagenbildung und All-tagserzählungen( S. 122) an. Darin wird nicht nur auf UFO- Berichte und Anhalter-Geschichten angespielt, sondern auch andere Phänomene erwähnt, die sich erst inunseren Tagen ausbilden konnten. Der Autor übersieht es auch keineswegs,doch treffen wir gerade heute in einer hochzivilisierten technischen Weltimmer wieder auf beinahe atavistisch anmutende Äußerungen einer magischen Sub-kultur....( S. 39.)

Wichtig ist Petzoldts Überblick im Bereich der Morphologie( Orale und literaleTradition, Die sogenannten, Einfachen Formen', Epische Gesetze und Strukturele-mente der Volksdichtung, typologische und determinierende Konzepte); hier wirddicht gedrängt und dennoch ausführlich genug exakt informiert. Über die Problema-tik mancher Konzepte ist hier nicht zu rechten.

In der Gegenüberstellung der Sage zum Märchen wäre vielleicht noch herauszu-stellen, daß die erstere in weit größerem Maße aus Text besteht und so cum granosalis in vielen Fällen ein relativ unveränderlicher Sinnzusammenhang herauskristalli-siert oder rekonstruiert werden kann, während das Märchen sich einer solchen

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