Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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3 Abb.). Der Band reiht sich würdig in die jeweils von einem anderen Land besorg-ten Veröffentlichungen der Tagungen der Kommission für Volksdichtung( ,, Balla-den- Kommission) der SIEF ein, deren Herausgabe auf Grund ihres internationalenCharakters und oft sehr spezifischer Thematik nicht immer einfach ist.

Walter Puchner

Bengt Holbek, Interpretations of Fairy Tales. Danish Folklore in aEuropean Perspective(= Folklore Fellows Communications, Nr. 239). Helsinki,Suomalainen tiedeakatemia, 1987, 660 Seiten, Abb.

Holbeks 1987 in Kopenhagen als Habilitationsschrift verteidigte Studie sollteursprünglich eine Einführung für Studenten der Volkserzählforschung und gleichzei-tig eine Art Handbuch für den allgemeinen Leser werden. Diese Funktionen sindauch dem nun vorliegenden Werk zuzuerkennen, es beschränkt sich jedoch nichtdarauf. Die in ihm angesprochenen umfassenden Problemstellungen hätten in frühe-ren Jahren sicherlich als Replik einen eigenen FFC- Band z. B. von Walter Andersenprovoziert.

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Das voluminöse Buch gliedert sich in drei stark voneinander abgesetzte Haupt-teile. Deren erster ,, Die Quellen', diskutiert differenziert mögliche Kriterien füreine Textauswahl( Zusammenfassung S. 44), stellt den selektierten Korpus vor undcharakterisiert die Texte allgemein, besonders aber auch im Hinblick auf die Erzäh-ler und ihren kulturellen Hintergrund: dänische Erzähltradition in europäischer Per-spektive Märchen als Erzählgattung des Proletariats. Interpretationsgrundlagebildet das aus der mündlichen Überlieferung stammende Märchenrepertoire von 127jütländischen Erzählern( 770 Texte) des bedeutenden Sammlers Evald TangKristensen( 1843-1929), dem der Autor eine eigene Darstellung widmet. Die Seiten94-139 bringen einen im weiteren gründlichst interpretierten Katalog der Erzählerund ihrer Repertoires.

Holbeks Analysen verwenden drei Zugänge oder, Werkzeuge', wie er sie nennt:Das von Elli Köngäs Maranda entwickelte paradigmatische Modell, ein darin enthal-tenes syntagmatisches strukturelles Modell nach Vladimir Propp und Elizar Mele-tinskij und eine Anzahl von Regeln psychologischer Natur, nach denen Symbole inMärchen zustande kommen. Der Autor ist also einer der wenigen, die morphologi-sche und psychologische Ansätze in ein Interpretationsmodell zu integrieren versu-chen. Dementsprechend geht er mit der Finnischen Schule scharf ins Gericht( S. 32 f.), rehabilitiert Propp, vernachlässigt dagegen Forschungsergebnisse vonz. B. Lutz Röhrich oder Max Lüthi fast völlig.

Hauptteil 2 der Arbeit,, Die Methode', will die Grundlage schaffen für einenneuen Weg der Deutung von Zaubermärchen, ausgehend von der richtigen Erkennt-nis, daß bisher eine wissenschaftlich genügend fundierte Interpretationsme-thode noch nicht besteht. Ein ambitiöser Vorsatz also, dessen Gelingen die Mär-chenforschung schlagartig gerade dort ein gutes Stück weiterbringen könnte, wo siebisher am angreifbarsten und auch verwirrendsten ist. Ein gewisses Unbehagenbeschleicht allerdings den Leser, wenn Holbek, bei sonst sehr logischer und stringen-ter Darstellung, im selben Zusammenhang, Interpretation definiert als, Bemühun-gen eines Individuums, seine subjektive Erfahrung mit einer mehr oder weniger vor-geformten künstlerischen Materie anderen zu vermitteln( S. 188). Hier scheint der

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