Die methodisch sauber gearbeitete Volkskunde- Dissertation an der UniversitätIoannina unternimmt mit Hilfe statistischer Untersuchungen an fünf Sprichwörter-Samples zu je hundert Beispielen den Nachweis, daß das neugriechische Sprichwortursprünglich und wesenhaft versifiziert, d. h. dichterisch gestaltet, ist. Die tatsäch-lich bestechend durchgeführte Arbeit stützt sich auf insgesamt 500 Sprichwörter ausden Sammlungen von Nik. Politis( erster und dritter Band der vierbändigen Samm-lung von 1899-1902, nachgedruckt Athen 1965) mit panhellenischer Streuung, aufDim. Lukatos mit Sprichwörtern der Insel Kefallonia(„ Kefalonitika gnomika“.Athen 1952), auf D. Zevgoli- Glezu's Sammlung aus Naxos( Athen 1963) und dieSprichwortsammlung von S. A. und A. S. Karanikola aus Symi( Athen 1980). EineSchwierigkeit bei der Erstellung der Untersuchungsergebnisse gründet in der Tatsa-che, daß bei fast 20% der Beispiele die Versform von den Aufzeichnern nichterkannt worden war und erst wiederhergestellt werden mußte. Diese Rekonstruk-tionsarbeit läßt sich jedoch im Anhang mühelos verfolgen und überprüfen.
Die Ergebnisse sind tatsächlich erstaunlich und beweisen die grundsätzliche Ten-denz auch des griechischen Alltagswortes( nicht nur des rituellen Wortgebrauchs zuspezifischen Anlässen) zum versifizierten Ausdruck: 92,2% aller Sprichwörter sindin Versform, d. h. das Sprichwort zählt grundsätzlich zur Volksdichtung und nichtzur Volksprosa; jambische Versformen überwiegen( 50,3%) gegenüber den trochäi-schen( 31,3%); unter den jambischen Metren führt mit großem Abstand der 15- Sil-ber( 49,7%), gefolgt vom Achtsilber( 16%), bei den trochäischen der Achtsilber( 37,9%), gefolgt vom Siebensilber( 21,7%). Dies bestätigt wiederum den„ politi-schen Vers( Dekapentasyllabos) als den eigentlichen griechischen Nationalvers( weil auch die Acht- und Siebensilber aus seinem rhythmischen Schema stammen),aber auch die Tatsache, daß sich in der Volksliteratur Dichtung und Prosa alleindurch das Kriterium der Versifizierung unterscheiden, denn der Inhalt der Spruch-weisheit ist denkbar unpoetisch. Diese Versifizierungsmöglichkeiten in der Alltags-sprache der griechischen Volkskultur sind mehrfach nachgewiesen( Zeitungsmel-dungen, Nachrichtenbriefe, improvisierte Ansprachen usw.), die Organisierung desSprachmaterials in Versform ist gleichsam ,, ungewollt".
Dies alles ist mit vielen Tabellen statistisch, getrennt nach allen fünf Beispiel-Samples, vorgebracht, nach den einzelnen Versformen detailliert aufgegliedert unddann( im Kap. 6) zusammenfassend dargestellt. Im Anhang sind zuerst die metri-schen Regeln zur richtigen Aufzeichnung der Sprichwörter analysiert( sozusagen alsNebenprodukt der Arbeit), sodann alle Beispiele der fünf Gruppen mit metrischerAnalyse und Kontextbeschreibung angeführt. Bibliographie und Index beschließendiese wegweisende Arbeit. Wegweisend insofern, als bisher über empirische Notizenhinaus niemand den grundsätzlich metrischen Charakter des neugriechischen Sprich-worts in seiner Gesamtheit erkannt, geschweige denn nachgewiesen hat. Es gehtdemnach um einen wesentlichen Beitrag auch zur internationalen Parömiologie,aber auch zur Frage nach der Rolle des Verses in den oralen Kulturformen.
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Walter Puchner
Z. Rajković( Hrsg.), Ballads and other Genres Balladen und andereGattungen.(= Zavod za istraživanje folklora, Special issue 11). Zagreb, Institutof Folklore Research 1988, 180 Seiten, 3 Abb. im Text.
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