Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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ungarischen Zaubersprüche, die sie uns im wesentlichen ohne jeden Kommentar,allerdings in einem umstrittenen typologischen System vor Augen führt- von derVerjagung der Ratten und Schaben bis zu heilkräftigen Beschwörungen. Aufschluß-reiche Zaubertexte können wir etwa zum Ausfall der Milchzähne, zum Kauf einesneuen Kleides, zum Buttern oder zum Backen von Maisfladenbrot lesen. MancheSprüche drücken in wenigen Worten einen Wunsch oder einen Befehl aus. Manch-mal reicht gar ein einziges Wort: Beim Abschluß des Aussäens sagt z. B. der Bauernur: nöjjél(, wachse"), und auch die Ratten werden kurzerhand mit eriggyetek( gehet") fortgeschickt. Anderseits sind auch umfangreiche religiös geprägte Textebekannt, die an Bäume oder den Mond gerichtet- um Heilung bitten und nachge-rade den Eindruck volkstümlicher Gebete erwecken. Auch Varianten der Mersebur-ger Zaubersprüche sind unter den ungarischen Beschwörungen zu finden. Für nicht-ungarische Leser ist die englische Zusammenfassung eine nützliche Orientierungs-hilfe.

Das zweite Buch enthält eine Auswahl der ungarischen Beschwörungstexte sowieeine ausführliche Abhandlung, in der É. Pócs die Vergangenheit und den magischenHintergrund der Beschwörungen sowie verschiedene Fragen der Systematisierungerörtert. Sie verweist auf die geschichtlichen Quellen der ungarischen Beschwörun-gen, die größtenteils schon früher von Á. Bolgár mustergültig aufgezeichnet wurden( Ungarische Zaubergebete im 15.- 16. Jahrhundert. Budapest 1934. Ungarisch).

Bei der Zusammenstellung ihrer Arbeiten sind É. Pócs Fleiß und Eifer gewiß nichtabzusprechen, doch dürfen auch erhebliche Mängel nicht verschwiegen werden. ImCorpus fehlen wichtige Texte- dies könnte in einem kleineren Buch nachgeholtwerden. Übersehen zu haben scheint sie die Literatur über die Beschwörungen derUngarndeutschen: Wertvolle Texte wurden beispielsweise von R. Kriss( Die Schwä-bische Türkei. Düsseldorf 1937) und E. Piffl( Deutsche Bauern in Ungarn. Berlin1938) publiziert. Auch scheint sie nicht zu wissen, daß sich auch A. Tafferner( Vér-tesboglár. Beschreibung einer deutschen Siedlung in Ungarn. Budapest 1941. Unga-risch) mit dem religiösen Charakter der transdanubischen deutschen Beschwörun-gen befaßte, die Persönlichkeitsforschung bei der Untersuchung von Beschwörun-gen für wichtig hält und zudem erwähnt, daß Beschwörungen erzählerisch, bittendund gebieterisch sein können. All dies möchte ich nur deshalb bemerken, weil gleich-zeitig norwegische, holländische und andere Arbeiten nicht unerwähnt bleiben. ImJahre 1983 ist bereits eine Abhandlung über ungarische Zaubersprüche während derButterherstellung erschienen( International Folklore Review, Bd. 3)- auch dieAusführung dieser und manch anderer, hier nicht genannter Arbeiten vermißt derRezensent mit Bedauern.

Nichtsdestoweniger werden die Forscher des europäischen Volksglaubens die imersten Buch enthaltenen Texte erfolgreich nützen und die Mannigfaltigkeit der unga-rischen Beschwörungen sehen können.

Béla Gunda

Ákos Szendrey, A magyar néphit boszorkánya( Die Hexe im ungarischenVolksglauben). Budapest, Verlag Magvető, 1986, 401 Seiten.

Dieses inhaltsreiche ungarische Buch wird, da ohne fremdsprachige Zusammen-fassung erschienen, leider der europäischen Volkskunde durchs Netz fallen".Gewissermaßen als Ersatz dürfte eine frühere Arbeit des Verfassers( Hexe

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