Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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und konnte sich auch durchsetzen. Daneben gab es punktuell noch eine, Ethnogra-phie und Mythologie, eine Laologia, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurdemehrfach der Terminus Griechische Ethnographie" diskutiert.

Der letzte Abschnitt( S. 47 ff.) gibt eine kritische Würdigung der Anwendbarkeitdes Terminus auch für die rezente Kulturforschung, da dem Terminus, laos keinvertikales Gesellschaftsmodell zugrunde liegt, sondern eher die der romantischenpolitischen Theorie entspringenden Konnotation Staatsvolk, Allgemeinheit.Insofern ist die Gefahr der Forschungsisolation in einer präindustriellen Bauern-Kunde kaum gegeben( obwohl die griechische Volkskunde jahrzehntelang so gear-beitet hat), da sich die klassischen Neubereiche der volkskundlichen Forschung.Stadtvolkskunde, bürgerliche Volkskunde, Randgruppenforschung, Arbeitervolks-kunde in den Fachterminus ohne weiteres integrieren lassen. Das Plädoyer vonAlexiadis für die Beibehaltung der Fachbezeichnung erfolgt zu einem kritischenZeitpunkt: An der Universität Thessaloniki wurde das Fach schon in Kulturanthro-pologie" umbenannt. Die Inbezugsetzung von Forschungstradition und-inhalten mitFachtiteln hat auch vor Griechenland nicht haltgemacht und droht, langfristig denintegrationsfähigen Begriff der Laographie" zu verdrängen, sollte sich in den rele-vanten Fachkreisen nicht ein neuer Bewußtseinsbildungsprozeß durchsetzen, dermodischen Raschinnovationen mit Überlegung und Gelassenheit begegnet: dennauch den in Mitteleuropa vielfach zu rasch eingeführten Titel Ethnologia Euro-paea" z. B. können wohl kaum ein Ordinarius und seine Mitarbeiter wirklich vollin-haltlich einlösen.

Es folgt eine umfassende Bibliographie, ein kurzes englisches Summary sowie einGeneralindex.

Walter Puchner

Werner Dreier( Hrsg.), Antisemitismus in Vorarlberg. Regionalstudie zurGeschichte einer Weltanschauung(= Studien zur Geschichte und GesellschaftVorarlbergs, Bd. 4). Bregenz 1988. 325 Seiten, Abb.

Die Geschichte der Juden in Vorarlberg ist bereits geschrieben verfaßt vomHohenemser Rabbiner Aaron Tänzer, 1905: Die Geschichte der Juden in Hohen-ems und im übrigen Vorarlberg"( Meran 1905). Tänzer, selbst durchaus Deutschna-tionaler, hatte akribisch Material zum jüdischen Sonderkapitel der VorarlbergerLandesgeschichte zusammengetragen. Diese konnte und wollte allerdings- fast bisauf den heutigen Tag- mit dem Vorgelegten nur wenig anfangen. Ganz im Gegen-teil: Die lokalen Wissenschaftler übernahmen ungeprüft zeitgebundene und daherauch erdrückend antisemitische Beurteilungen, meist ging es ihnen aber um erkenn-bar Höheres, nämlich darum, daß in Vorarlberg ,, alles anders", sei's demokratischeroder landeszentrierter, zugegangen sei. Diese ideologische Betrachtungsweise istbereits ausführlich dargestellt und analysiert worden( Markus Barnay, Die Erfin-dung des Vorarlbergers), trotzdem: Gerade am Beispiel der Juden in Vorarlbergwird dies erneut deutlich. Ihre Geschichte war nur dann wichtig, wenn sie zur Legiti-mation von ganz anderen Interessen herhalten mußte. Diese, die ideologiekritischeKomponente, ist der erste Vorzug im angezeigten Buch. Der Würgegriff einer ten-denziösen Landesgeschichte konnte gelöst und erkennbar gemacht werden. Derzweite positiv zu nennende Punkt ist sicherlich die kritische Durchsicht der jüdi-