Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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Museum für Volkskunde in Berlin 100 Jahre alt

Die Gründung des Museums für( Deutsche) Volkskunde in Berlin im Jahre 1889gehörte zweifellos zu den starken Anregungen auch für die Gründungen der Volks-kunde in Wien( 1894/95). In Berlin waren der Altgermanist Karl Weinhold und derMediziner und Anthropologe Rudolf von Virchow die Initiatoren von Verein, Zeit-schrift und Museum, einer fachorganisatorischen Konstruktion, die für WilhelmHein und Michael Haberlandt in Wien sichtlich das Vorbild war. Die Parallelen sindoffenkundig. Die Gründer kamen in gleicher Weise aus bürgerlich- intellektuellemMilieu, aus spezieller wissenschaftlicher Schulung, wobei in Wien die Initiatoren fürsich den großen Vorteil der musealen Praxis in Anspruch nehmen konnten. Stand inBerlin jedoch die Problematik des Rettens alter Volksüberlieferung eindeutig imVordergrund, so kam in Wien die ganze Last der damaligen Nationalitätenproble-matik Österreich- Ungarns hinzu, was für die Ausrichtung des Faches auf eine ver-gleichende Volkskunde von Anfang an ausschlaggebend war.

Das Berliner Volkskundemuseum trug zum Zeitpunkt seiner Gründung 1889 dieBezeichnung Museum für Deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausge-werbes" und änderte seine Benennung dann zu Museum für Deutsche Volks-kunde. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten im Zuge der TeilungDeutschlands die Trennung der in Ost- Berlin verbliebenen von den nach West- Ber-lin gelangten Sammlungsbeständen und damit die Existenz zweier selbständigerMuseen: das, Museum für Deutsche Volkskunde" im westlichen und das Museumfür Volkskunde" im östlichen Teil der Stadt. Anzumerken ist hier, daß auch dasWest- Berliner Museum das Jubiläum begangen hat, und zwar mit der Ausstellung,, Aufs Ohr geschaut. Ohrringe aus Stadt und Land vom Klassizismus bis zur neuenJugendkultur", die am 27. 10. 1989 eröffnet wurde und bis zum 30. 9. 1990 zugänglichist( ein umfangreicher und reich bebilderter Katalog ist dazu erschienen). TheodorKohlmann, Direktor des Museums für Deutsche Volkskunde, schildert in seinemVorwort die Gründung des Museums und gibt Auskunft über gegenwärtige Samm-lungsschwerpunkte und Ausstellungstätigkeit.

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Die Ost- Berliner Veranstalter des wissenschaftlichen Kolloquiums aus Anlaß des100jährigen Bestandes des Berliner Museums für Volkskunde mit dem Titel All-tagsgeschichte in ethnographischen Museen Möglichkeiten der Sammlung undDarstellung im internationalen Vergleich" und der Ausstellung Kleidung zwischenTracht+ Mode. Aus der Geschichte des Museums 1889-1989"( auch hierzu liegtein vorzüglicher Katalog vor) vom 13. bis 17. November 1989 konnten während derVorbereitung des Kongresses nicht ahnen, daß dieser nach dem denkwürdigenDatum der Öffnung der Berliner Mauer am 9./10. November 1989 in einem völligveränderten politisch- historischen Kontext sich vollziehen würde. Gottfried Korff,mit dem der Berichterstatter im Hotel Unter den Linden in fast fieberhaft angeregtenAbendgesprächen gemeinsam Erlebtes überdenken konnte, gibt in seinem Beitrag,, S- Bahn- Ethnologie" in diesem Heft der Zeitschrift einiges wieder, was die Stim-mung neuer Gemeinsamkeiten auf diesem Kongreß ausmachte. Die Museumsdirek-torin Dr. Erika Karasek, assistiert von Frau Dr. Dagmar Neuland und allen anderenMuseumsmitarbeitern, hat die Tagung aufs beste vorbereitet und geleitet. Die wun-derbare Aufbruchsstimmung auch in diesem internationalen Kreis von Volkskund-lern, welcher sich auch zu einer gemeinsamen Resolution zur Verbesserung derRaumbedingungen des Berliner Volkskundemuseums zusammenfand, mag für dieVeranstalter der schönste Lohn ihrer Mühen gewesen sein. Erika Karasek wurde

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