fallen war, gehörten der verbleibende erste Tag und der Vormittag des zweiten Tageszahlreichen Vorträgen in ungarischer Sprache. Am letzten Halbtag ergriffen auslän-dische Gäste das Wort, um ein Bild der„, Ungarischen Volkskunde mit den Augender Ausländer" zu entwerfen. Es sprachen J. Botik( Slowakei), A. Fenton( Schott-land), V. Frolec( Mähren), K. Makarovic( Kroatien), A. Viires( Estland) undandere. Für Österreich konnte der Berichterstatter ein paar persönlich geprägteGedanken zur ungarisch- österreichischen Nachbarschaft im Bereich des FachesVolkskunde anführen und darauf hinweisen, daß im Jubiläumsjahr der Gesellschaftauf einer höheren Ebene die politische Wirklichkeit die längst gegebene Gemein-samkeit der Ideen nachvollzogen hat. So hatte es sich im Herbst 1988, als Volkskund-ler in Westungarn und in Österreich eine gemeinsame Ausstellung der historischenethnographischen Bauernhausforschungen von Johann Reinhard Bünker konzipier-ten, bestenfalls um eine Vision gehandelt, als man sich auf den Ausstellungstitel,, Ethnographie ohne Grenzen“ einigte, nicht wissend, daß ein solcher eher in derRetrospektive verankerter Gedanke bereits die allernächste Zukunft vorwegneh-men sollte.
Es ist zu erwarten, daß die Akten des Jubiläumskongresses in absehbarer Zeit ver-öffentlicht werden. Zu wünschen wäre es, wenn diese Publikation auch in einer inter-nationalen Sprache erfolgen könnte. Das gilt auch für die anläßlich des Gesell-schaftsjubiläums vorgelegte Festschrift von László Kósa,„ A Magyar Néprajzi Társa-ság története 1889-1989", worin die Geschichte der ungarischen Volkskunde imSpiegel ihrer wissenschaftlichen Gesellschaft dargestellt wird.
Ivan Balassa hat mit viel Verve die große Tagung geleitet. Ein höchst einsatzfreu-diger Mitarbeiterstab um Zsigmond Csoma war um die reibungslose Abwicklung desgedrängten Programmes mit größtem Erfolg bemüht. Gesellschaftliche Veranstal-tungen, wie der abendliche Empfang durch die Ungarische Akademie der Wissen-schaften in der repräsentativen Halle des Ethnographischen Museums am Kossuth-Platz und ein erlesenes Programm ungarischer Folklore am zweiten Abend, warenfreundschaftlich- kollegialen Kontakten zusätzlich förderlich.
Klaus Beitl
Geschichte und Erzählkultur
6. Symposion zur Volkserzählung auf der Brunnenburg, 19. bis 21. Oktober 1989Biographie und Quellenkritik standen im Mittelpunkt des letztjährigen Sympo-sions zur Volkserzählung auf der Brunnenburg bei Meran, zu dem das InnsbruckerInstitut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie und der Arbeitskreis Brunnenburgeingeladen hatten. Volkskundler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Norwe-gen und Südtirol beschäftigten sich vor allem mit den Methoden, Zielsetzungen undNachwirkungen verschiedener alpenländischer Volkserzählsammler von Ignaz V.Zingerle über Georg Graber bis Wilhelm Mai. Bei manchem wurden die Nach-ahmung der Sammlungen der Brüder Grimm, Stilisierungen, spätromantischeMythisierungen oder unkritischer Umgang mit Quellen nachgewiesen, wodurchauch vielzitierte Sammlungen mit einigen Fragezeichen in bezug auf ihre Authentizi-tät versehen wurden. Diese in der Erzählforschung der letzten Jahre vermehrt betrie-bene kritische Analyse der Sammlungen und das Bemühen, sie aus ihrem histori-schen Umfeld heraus zu verstehen, wird sich meines Erachtens bei entsprechenderRezeption als sehr fruchtbar auch für die Untersuchung einzelner Märchen-
69