Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
Seite
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Grenzen Los?

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Gmünd in Niederösterreich- Reflexionen über

eine Stadt an der Grenze

( 2 Abb.)

Von Ursula Brustmann

Der Volkskunde wird oft- manchmal zu Recht- vorgeworfen,sie versäume die Erforschung der Gegenwart, oder besser: derjüngsten Vergangenheit.

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Das rasche Reagieren auf Ereignisse, deren Auswirkungen sichdie Volkskunde als Demokratische Kulturgeschichtsschreibung"nicht entziehen darf, kann jedoch in der Praxis mit gewissenSchwierigkeiten verbunden sein: die zeitliche und wohl auch emo-tionale Nähe sind nicht ganz vereinbar mit jener Distanz, die erstein möglichst vollständiges Erfassen eines Phänomens erlaubt. Die-ses Problem Distanz und Nähe- wurde bei vorliegender Unter-suchung zu meinem: Wo war die Trennlinie zu setzen zwischen,, teilnehmender Beobachtung" und ganz persönlicher Anteilnahmeam Geschehen? Wann wurde aus dem Interview ein persönlichesGespräch? Besonders jene Befragten, denen meine Identität nichtunbekannt war( ich habe meine Schulzeit in Gmünd verbracht undbin nunmehr eine, Wochenend- Gmünderin), waren eherGesprächs- als Interviewpartner. Die bei der Befragung gewählteForm des nichtstandardisierten Interviews mit hauptsächlich offe-nen Fragen erbrachte, wie erhofft, die qualitativ interessantestenErgebnisse, wenn auch die Objektivität darunter gelitten haben

mag.

Mein Interesse galt den Fragen: Wie erleben die Gmünder dieÖffnung der Grenze zur Tschechoslowakei? Wie gestalten sich dieBegegnungen mit den Nachbarn, den Menschen, die kennenzuler-nen sie nach vierzig Jahren die Möglichkeit haben? Wie reagieren

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