Die Kinder wohl auch, stand doch ihre Existenz, ihr Studium, aufdem Spiel, falls die Sache nicht gutgehen würde. Sie blieben aber,und vielleicht auch deswegen, hart. Jetzt oder nie. Sie appelliertenan ihre Eltern und die ganze Bevölkerung:„ Vergeßt die Angst! InPeking marschierten die Kinder alleine, deswegen floß das Blut, wirhaben aber euch", las man auf einem Flugzettel auf dem OlmützerHauptplatz.
Nach kurzem Zögern und aus Angst um ihre Kinder machten dieEltern schließlich mit. Auf einem weiteren Flugblatt war zu lesen:,, Wir Eltern müssen uns schämen, daß unsere Kinder für uns diesenKampf beginnen mußten. Wenn wir sie in dieser schweren Zeitnicht voll unterstützen, können wir ihnen nicht mehr in die Augenschauen!!!" Und sie haben viele motiviert, diese Jugendlichen: IhreProfessoren, ihre Eltern, Vertreter der geschlagenen 68er- Genera-tion, die sich geschworen hatten, nie mehr im Leben politisch tätigzu werden. Viele haben ihre Angst vergessen und waren bereit, inden neuentstehenden Bürgerforen aktiv mitzuwirken. Auch dieSchauspieler haben sich dem Streik angeschlossen. Statt das nor-male Programm zu zeigen, verwandelten sich die Bühnen amAbend in Diskussionspodien. Der Generalstreik am 27. November1989 brachte dann Erleichterung mit der Gewißheit, daß auch dieArbeiter und Bürger mitziehen würden!
Sonntag, 3. Dezember 1989
„ Es ist gewaltig, 14 Tage und wieviel hat sich hier verändert. Dieneuen Parteien formieren sich Sozialdemokraten, Volkspartei,Sozialistische Partei, die Grünen, Verband Demokratische Jugend,Partei der Wiedergeburt..., sie wachsen wie die Pilze aus demBoden", formuliert Hynek, der Pressesprecher des Streikkomitees,seine Begeisterung. Die Situation ist unübersichtlich, die Ereig-nisse überstürzen sich und alles ändert sich sehr schnell.„ Es ist einständiges Auf und Ab, aber wir können nicht mehr aufhören, wirmüssen die Sache bis zum Ende durchziehen", höre ich von den Stu-denten in ihrem Streikquartier.
Die neue Regierung wurde heute vorgestellt. Die Stimmung derStudenten ist niedergeschlagen. 15: 5 steht das Verhältnis vonKommunisten zu Nichtkommunisten. Wir sind im Zimmer desStreikkomitees. Auf einmal stürzt ein Student herein und schreit:,, Die Prager haben den Streik unterbrochen, Scheiße! Die ver-dammten Prager haben uns im Stich gelassen. Das ist in unsererGeschichte nicht das erste Mal, wieder einmal bleiben die Mährer
30