Jahrgang 
93 (1990) / N.S. 44
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daß in der Linie 1 wieder berlinert werde, etwas schief, denn nebendem Berliner Jargon waren unvermindert auch türkische und, neuhinzugekommen, polnische Sprachfetzen zu hören. Polen nämlichkommen seit Anfang 1989 in großer Zahl in die Weststadt, um dortunter den erstaunten Augen der Berliner und neugieriger Touristenaus dem Westen einen kuriosen Waren- und Tauschverkehr mitTürken zu treiben. Polenmarkt" heißt diese seltsame Veranstal-tung, die seit Mitte des Jahres auf dem ehemaligen Gelände desPotsdamer Platzes stattfindet und schon seit längerem die Auf-merksamkeit der Ethnologen beansprucht hätte.

Ein anderer, lange Zeit vernachlässigter Gegenstand ethnologi-schen Interesses( erfreulicherweise arbeitet Mary Beth Stein ausBloomington/ Indiana seit zwei Jahren an diesem Thema¹5), ist mitt-lerweile in die Phase seiner eigenen Nachgeschichte getreten: dieBerliner Mauer. Sie war zur Zeit meiner Erkundungen zwar nochreal vorhanden; darüber hinaus war sie aber auch, selbst in der S-und U- Bahn, symbolisch präsent, in Gesprächen und in transfor-mierter, in souvenirmäßig aufbereiteter Form. Auf der Rückreisezum Friedrichstraßen- Bahnhof hatten zwei junge Männer aus Mar-zahn T- Shirts angezogen, auf denen eine durchbrochene Mauerabgebildet war: Remember the 9. November. Es handelte sich umsogenannte Memory- Hemden, die allüberall in West- Berlin fürDM 10, angeboten wurden. Fliegende Händler verkauften aufPappkartons oder in selbstgebastelten Bauchläden kleine, kiesel-steingroße Mauerstücke zum Preis von 3 bis 5 Mark. Auf demKudamm waren ähnliche Angebote zu entdecken dort sogar tele-fonbuchgroße Stücke zu DM 40,-. Auch in Gesprächen der DDR-Bürger spielte die Mauer immer wieder eine Rolle: Verblüffung hattevor allem die schrille Bemalung auf der Westseite bewirkt, die manzwar vom Fernsehen her kannte, sich aber nicht in diesem Ausmaßund in dieser bunten und witzigen Form hatte vorstellen können.

Mit der Öffnung der Mauer hatten die später sogenannten, Mau-erspechte"( anfangs hießen sie Pickler) ihr Werk aufgenommen.Mit Hammer und Meißel bearbeiteten zumeist Jugendliche, darun-ter überraschend viele Ausländer westeuropäischer und amerikani-scher Herkunft, die über vier Meter hohen massiven Betonflächen,um sich so Erinnerungsstücke zu beschaffen für den Eigenbedarfoder zum ,, Verramschen. Am Potsdamer Platz wurden Passantenund Neugierigen Hammer und Meißel zur Ausleihe( DM 5,- proStunde) angeboten. Zunächst hatten Polizisten und Grenzbeamteaus West und Ost diesen spontanen Mauerabbau verhindern

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