So wenig hilfreich der 36er- Stadtplan im November 1989 war, sozuverlässig spiegelte er doch eine urbane Situation wider, die überein Jahrhundert lang den Stadtraum Berlins gekennzeichnet hatteund nach der Maueröffnung wieder erahnbar und vorstellbarwurde. Das Zentrum Berlins ist das„ alte" Berlin mit Alexander-platz, Nikolaiviertel, aber auch die Stadt, wo Prenzlauer Bergneben dem Wedding, wo Kreuzberg neben Friedrichshain liegt.Was durch den Mauerbau 1961 in West- Berlin zum Randgebiet undzur Peripherie geworden war, also der Wedding und Teile vonKreuzberg, insbesondere das berühmt- berüchtigte SO 36, rückenjetzt wieder in und an die Mitte. Berlin minus Mauer stellt sichtopographisch und auch anthropogeographisch anders dar.
Einen deutlichen Eindruck davon vermittelten die Bewegungs-ströme zum und vom U- Bahnhof Schlesisches Tor, der bisher ineiner Art Niemandsland gelegen hatte, jedenfalls in einer vergesse-nen,eher ausgepowerten Ecke im nordöstlichen Kreuzberg. Abdem 9. November war die Verbindung zum alten Zentrum Berlinsüber die Oberbaumbrücke und über die Puschkin- Allee wieder her-gestellt. Der U- Bahnhof, dort auf einer Hochtrasse gelegen, warstets so voller Menschen, daß sich die Reisenden in großer Geduldüben mußten, wenn sie zu den ausfahrenden Zügen hochstiegenoder sich aus den Ankunftszügen hinabwälzten. In den Bahnwagenselbst herrschten Tokioter Verhältnisse. Die Stadt- Presse bildeteeinen neuen Mythos um die Linie 1, jene U- Bahn, die das Schlesi-sche Tor mit dem Wittenbergplatz und dem Bahnhof Zoo verbindetund jahrelang der Star eines erfolgreichen Jugendmusicals war.Wegen des hohen Anteils von Türken an der Wohnbevölkerung inKreuzberg/ SO 36 war die Linie lange Zeit als„ Orientexpreẞ Glossar ::: zum Glossareintrag Orientexpreẞ"bezeichnet worden; ab dem 9. November galt sie der Presse wiederals„ Berlinische Linie Nummer eins“, und der„ Tagesspiegel" ließin einer Glosse notieren, daß in der Linie 1 wieder„ berlinert"werde, und zwar in einer Weise, die man in West- Berlin gar nichtmehr gewohnt sei.
Fiele die Mauer endgültig, so äußerten nicht wenige S- Bahn- Fah-rer, dann wäre Berlin tatsächlich eine andere, eine neue Stadt.West- Berlin würde nicht mehr vom abgetanen Glanz der ehemali-gen Reichshauptstadt leben und auch nicht mehr von der Schaufen-sterfunktion des freien Westens, sondern die Weststadt wäre mitOst- Berlin zusammen die Kernstadt eines umfassenden Lebens-,Verkehrs- und Wirtschaftsraumes von fünf Millionen Menschen,die größte Bevölkerungsagglomeration im deutschen Sprachraum,
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