bracht hatte, die Bauten der Internationalen Bauausstellung 1987zu besichtigen, war in der Nähe des Bahnhofs Zoo Zeuge einerSituation geworden, über die sie sich entrüstet zeigte. Der Händlereines Obststandes an der Kantstraße hatte an DDR- Bürger kurzvor Geschäftsschluß aufgeplatzte Apfelsinen, angestoßene GoldenDelicious und ramponierte Birnen verteilt. Diejenigen, die sich dasObst hatten schenken lassen, seien„ würdelos“.„ Jetzt sparen dieWestdeutschen auch noch die Kosten für die Müllabfuhr, weil sieden Abfall an uns verschenken." Nicht alle S- Bahn- Fahrer hattenVerständnis für diese entschiedene Meinung und gaben zu beden-ken, daß der großzügig spendierte Abfall immer noch besser sei als,, nichts" oder der„, Schrott" in den DDR- Läden.
Mit dem„, Schenk- Syndrom" hatte die schockierte Frankfurterinvon der Oder( von dort war sie für den Berliner IBA- Besuch ange-reist) jedoch ein Phänomen erkannt und benannt, mit welchem derunvoreingenommene Berlin- Beobachter in diesen Novembertagenimmer wieder konfrontiert war. Schenkfreudig gab sich West- Ber-lin, wo es nur konnte senatsoffiziell und eigeninitiativ. Abgese-hen vom Begrüßungsgeld, welches in über 300 Postämtern und inden Filialen der größeren Banken und Sparkassen ausgezahltwurde, gab es allenthalben freie Fahrt und freien Eintritt. DieStaatstheater gewährten kostenlosen Zugang zu ihren Vorstellun-gen, und die Berliner Philharmoniker gaben für DDR- Bürger einFreikonzert, zu dem, weil früh genug über Funk und Fernsehenangekündigt, nicht nur Berliner, sondern Leipziger und Dresdner,Magdeburger und Rostocker angereist waren. Kinos und Gaststät-ten warben mit Preisnachlässen und Sonderangeboten. Die West-berliner Brauereien verkauften den halben Liter für eine Mark( Ost) und offerierten„ Empfangsmenüs" zu Spottpreisen. ImSchultheis- Bräuhaus am Kurfürstendamm hieß das Begrüßungsan-gebot: ,, Geschnitzelte Rinderleber DM 7,50, Hausgemachte Eis-beinsülze DM 6,50, Riesenbratwurst DM 4,50. Für Besucher ausder DDR."
Am Wochenende nach dem Fall der Mauer standen Westberlinerund Westdeutsche an der Grenze und verteilten Süßigkeiten, Süd-früchte, Zigaretten und auch DM- Scheine an die Einreisenden. Inder S- Bahn wurde von einem Rentner erzählt, der am Sonntag( 12. November) am Potsdamer Platz mit einer Handvoll 5- Mark-Scheinen beobachtet worden war, die er an Passanten des neuenMauerdurchbruchs verteilte. Man berichtete von Geschäften
16