S- Bahn- Ethnologie
Acht Bemerkungen zum Berliner Alltag nach Öffnung der Mauerunter Einschluß einiger Überlegungen zur Musealisierung des All-tags aus Anlaß eines Kolloquiums zum 100jährigen Bestehen desMuseums für Volkskunde, veranstaltet von den StaatlichenMuseen zu Berlin( DDR).
Von Gottfried Korff
1.
Die folgenden Notizen sind in dreifacher Hinsicht volkskundlich-ethnographisch motiviert: qua Anlaß, Gegenstand und Methode.Sie wurden durch Beobachtungen angeregt, die ich während einesBerlin- Aufenthalts anläßlich eines wissenschaftlichen Kolloquiumszum 100jährigen Bestehen des Museums für Volkskunde machte.Ihr hauptsächlicher Gegenstand war allerdings nicht das Kollo-quium, sondern waren Situationen und Veränderungen an demOrt, wo es stattfand: Berlin, genauer: Ost- und West- Berlin. Kurzvor dem Geburtstagskolloquium, zu dem die Staatlichen Museen inOst- Berlin vom 12. bis 15. November ins Pergamonmuseum gela-den hatten, war die Mauer geöffnet worden. Berlin hatte das ver-mutlich denkwürdigste Wochenende seiner jüngsten Geschichtehinter sich. Seit der Nacht zum Freitag, dem 10. November, warendie Grenzen in westliche Richtung passierbar gemacht und der Vi-sumzwang aufgehoben worden. Über zwei Millionen DDR- Bürgerhatten am darauffolgenden Wochenende West- Berlin und die Bun-desrepublik besucht. Allein in West- Berlin sollen laut Pressebe-richten 600.000 gewesen sein. Am Brandenburger Tor, auf demBreitscheidtplatz an der Gedächtniskirche, auf dem Kurfürsten-damm und auf dem Tauentzien hatte es tage- und nächtelangvolksfestartige Szenen gegeben¹.