1991, Heft 4
Literatur der Volkskunde
447
"
Minas A. ALEXIADIS, O agapitikos tis voskopulas. Agnosti Zakynthini,, omilia" tu Aleku Gelada[ Der Liebhaber der Schäferin. Eine unbekanntezantische ,, Homilie" von Alekos Geladas]. Athen, Verlag Kardamitsa 1990,215 Seiten, 4 Abb. auf Taf.
10
Die Ausgabe eines Textes der„ Homilien“ von Zante, jener eigentümli-chen Karnevals- Volkstheatervorstellungen auf der„ fior di Levante“( Zan-te) ist an und für sich schon eine verdienstvolle Sache, denn die bisherveröffentlichten Spieltexte sind fast noch an einer Hand abzuzählen. DieserText allerdings stellt eine Adaptation eines der meistgespielten neugriechi-schen Theaterstücke des 20. Jahrhunderts dar, des dramatischen Idylls„ DerLiebhaber der Schäferin“( 1903) von Dimitris Koromilas, dessen tragisch-sentimentales Sujet in unzähligen Laien-, Schul- und Provinzaufführungenvor allem in der ersten Jahrhunderthälfte große Volkstümlichkeit erlangthat. Das Werk schwillt nun, mit dem Zusatz einer komischen Figur, die densingenden Zante- Dialekt spricht und vor allem satirische Kontrafakturen zursentimentalen Haupthandlung bringt, auf fast 2.500 Verse an, was denüblichen„ Homilien"-Umfang( etwa eine Stunde Vorstellung) eigentlichschon überschreitet. Der Verfasser äußert allerdings die Vermutung, daßauch die bisher aufgezeichneten Texte nur den„ Kern“ der Vorstellung, ohnedie Improvisationen der komischen Figuren darstellen. Diese weisen freilichauf die italienische komische Tradition der Commedia dell'arte und ihrerNachfolge, denn noch wird mit Masken gespielt. Es war bisher bekannt, daßAdaptationen gespielt wurden, z.B. aus der kretischen Dramatik, oder deszweiten Teils, der„ giostra", des Versromans ,, Erotokritos“, von sentimen-talen und melodramatischen Volkslesestoffen des 19. Jahrhunderts, doch diebeschränkte Zugänglichkeit dieses Spielrepertoires erlaubte bisher nur sehrallgemeine Aussagen über die Art der Adaptationen. Nun liegt ein kritischedierter Text vor, aus dem sich gesicherte Schlüsse ziehen lassen.
11
Alekos Geladas war Gerichtsvollzieher, hatte in seiner Jugend die Vor-stellung des„ Liebhabers der Schäferin“ auf dem Dorf gesehen, die ihn sehrbeeindruckt haben mag und dieses Stück für das zantische Karnevals- Thea-ter bearbeitet. Der Sprachduktus des Komikers unterscheidet sich deutlichvom übrigen Stück, dessen Handlungsgang er durchwegs treu folgt, durchden Gebrauch des Inseldialekts, durchsetzt von italienisch- venezianischentermini und gewürzt mit gelehrten Ausdrücken aus dem Gerichtswesen. Die10 Vgl. dazu den Aufsatz W. Puchner, Kretische Renaissance- und Barockdramatikin Volksaufführungen auf den Sieben Insel. In: ÖZV XXX/ 79( 1976), S. 232-
242.
11 Zu dieser Vorstellung speziell W. Puchner, Südost- Belege zur, giostra*: Reiter-feste und Lanzenturniere von der kolonialvenezianischen Adels- und Bürgerre-naissance bis zum rezenten heptanesischen Volksschauspiel. In: Schweizer Ar-chiv für Volkskunde 75( 1979), S. 1- 27, bes. S. 22 ff.