Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
442
Einzelbild herunterladen
 

442

Literatur der Volkskunde

=

-

1991, Heft 4

Die nichtkanonischen Bücher zum Neuen Testament beginnen erst auf S.394. Diese Betonung der älteren Schicht ist zweifellos berechtigt, zumalEmile Turdeanu( Apocryphes slaves et roumaines de l'Ancien Testament,Leiden 1981) und andere nachgewiesen haben, wie groß ihre Verbreitungim Osten und Südosten Europas war und wie stark ihr Fortleben noch ist.Die vorliegende Ausgabe kann auf die Reception der Texte im Bereich dermündlichen Erzähltradition verständlicherweise nicht eingehen, doch kom-men zum Abdruck vor allem Stoffe wie das Leben Adams und Evas", Die Schatzhöhle, Das äthiopische Buch Henoch und andere, dieteilweise heute noch lebendig sind. Der Sturz der Engel, ausgelöst durcheinen Tabu- Bruch in Form des Geschlechtsverkehrs mit irdischen Frauen,gehört zu den besonders beliebten Motiven; ähnliches gilt für die verschie-denen Formen der Jenseitswanderung. Die von Weidinger gewählten Aus-schnitte neutestamentlicher Apokryphen stellen neben den Kindheits- Jesu-Evangelien vor allem die Apokalyptik in den Vordergrund. Populäre The-wie der Tod Mariens- kommen dabei zu kurz. Das muß freilich auchfür die meisten diesem Buch vorausgegangenen deutschen Übersetzungenvon Apokryphen gelten. Hier hat vermutlich immer schon das Werk vonJacobus de Voragine die Auswahl beeinflußt, später auch die Legenden vonSelma Lagerlöf. Was der Pattloch- Ausgabe leider fehlt, ist ein entsprechen-der Sach- und Namensindex; vermutlich war sie mehr als Lesebuch gedacht.Und so gut die einzelnen Einführungen sind, so sparsam die Dokumentation.Felix Karlinger

men

-

Arnold BÜCHLI, Mythologische Landeskunde von Graubünden. EinBergvolk erzählt. Band 1. Zweite, erweiterte Auflage mit einer Einleitungvon Ursula Brunold- Bigler. Disentis 1989, LX, 917 Seiten. Band 2. Dritte,erweiterte Auflage mit einem Nachwort von Ursula Brunold- Bigler. Disen-tis 1989. 955 Seiten. Band 3. Hg. von Ursula Brunold- Bigler. Disentis 1990,983 Seiten.

Mit an die 3000 Druckseiten ist die Mythologische Landeskunde vonGraubünden wohl die bisher umfassendste regionale Sammlung von Volks-erzählungen. Dabei ist der noch ausstehende Registerband noch nicht mit-gerechnet. Die Sammlung Büchlis beeindruckt aber keineswegs etwa nurdurch ihren Umfang. Der Kanton Graubünden ist dreisprachig( rätoroma-nisch, italienisch, schweizerdeutsch). Arnold Büchli( 1885- 1970), Lehrerund Folklorist, war bestrebt, den drei Volksgruppen Graubündens gleicher-maßen gerecht zu werden. Er zeichnete Erzählungen in rätoromanisch,italienisch und deutsch unter Berücksichtigung möglichst vieler lokaler