1991, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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Peter PIEPER, Die Weser- Runenknochen. Neue Untersuchungen zurProblematik: Original oder Fälschung(= Archäologische Mitteilungen ausNordwestdeutschland, Beiheft 2). Oldenburg, Isensee 1989, 313 Seiten, 52
Abb.
1927/8 wurden bei Baggerarbeiten an der Unterweser sieben Knochen-artefakte mit Bild- und/ oder Runenritzungen gefunden. Die recht obskureFundgeschichte und die außergewöhnliche Gestalt einiger Runen galten derForschung als Fälschungsindizien; schlüssige Beweise waren allerdingsnicht beizubringen. In der anzuzeigenden Arbeit faßt der Prähistoriker PeterPieper seine siebenjährigen Bemühungen um die Weserrunen zusammen;die wesentlichen Ergebnisse sind bereits andernorts publiziert.
Die Authentizitätsfrage nahm eine unerwartete Wendung; denn mit mo-dernen kriminologisch- naturwissenschaftlichen Methoden lassen sich anden drei Runenknochen OL 4988, 4990 und 4991 keinerlei Fälschungsmerk-male feststellen; das Bruchstück 4987 mit runenartigen Zeichen bleibtunklar, die übrigen runenlosen Knochen sind sicher unecht( S. 70- 147).Etwas überraschend ist, daß auch mit Hilfe von Aminosäurenbestimmungund Radiokarbonmethode kein sicherer Terminus post quem gewonnenwerden kann; Pieper setzt die Inschriften mit Vorbehalt in die erste Hälftedes 5. Jahrhunderts n.Chr.( S. 241 ff.).- Ähnliche Alterungs- bzw. Lage-rungsmerkmale, gleicher Duktus und gemeinsame runische Sonderformen( u, k, einstrichiges h) beweisen die Zusammengehörigkeit der drei Rune-ninschriften, die Pieper wie folgt liest( S. 152 ff., 184 ff.): lokom: her( 4990); latam: n: hari/ kunni: n: we/ hagal( 4988); ulu: hari( 4991), Ichbeobachte hier[ ein römisches Schiff( Abb.)], Lassen wir(,) Inghari(,) Ge-schlecht Ingwe(,) Hagel(= Verderben). Uluhari tat. Es handle sich um einenSchadenzauber, genauer um einen Unwetterfluch, gegen einen römischenFeind zu Wasser( S. 210 ff., 224). Inghari, Ing- Krieger und Uluhari, Ull-Krieger seien altsächsische[- as.] Doppelkönige, die unter den kultischenDecknamen Hengist und Horsa als Anführer der angelsächsischen Invasorenin Britannien aufträten( S. 236 f.).- Den schwankenden Boden, auf dem diekühnen Thesen stehen, scheint auch Pieper selbst zu sehen( etwa S. 245, wovon„ oft rein hypothetischen Gedankengänge[ n]“ gesprochen wird). Aller-dings drängt sich da die Frage auf, ob Annahmen, denen der Autor selbstwenig Wahrscheinlichkeit zumißt, den großen Aufwand( 783 Anmerkun-gen, 59 Seiten Literatur) tatsächlich rechtfertigen. Im folgenden lasse ichdie zweifelhaften mythologischen Implikationen unberücksichtigt.
Pieper geht auf die ungewöhnliche Gestaltung der Inschrift durch denRunenmeister nicht ausreichend ein und läßt sich zudem eine möglicheStütze für seine Lesung entgehen. Die gematrische Berechnung der In-schrift( en) ergibt nämlich zum einen 528= 24 x 22( Anzahl der Runen des